Wie war’s? Eindrücke vom zehnten jährlichen Aikidolehrgang mit Pascal Olivier im Schwarzwald

Zum zehnten Mal in Folge hat Sybille Haase, Geschäftsführerin des Aikido Dojo Lüneburg, einen einwöchigen Lehrgang im Schwarzwald mit Pascal Oliver veranstaltet, der aus dem Südwesten von Paris angereist war – genauer aus der Gegend namens Brie (woher auch der gleichnamige Käse stammt).

2019-07-25_20-00-00 Aikido HerzogenhornDas Leistungszentrum Herzogenhorn liegt auf einem Sattel zwischen den beiden höchsten Schwarzwaldgipfeln Feldberg und Herzogenhorn. Während unten die europäischen Tiefebenen in der Hitzewelle und den Temperaturrekorden brutzelten, sah das Leistungszentrum fast 30 Teilnehmer aus allen Ecken Deutschlands, aber auch aus Frankreich kommen.

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2019-07-25_20-22-49 Aikido HerzogenhornDenn Pascal hatte diesmal vier Mitglieder seines Clubs aus Ozoir im Gepäck, für zwei von ihnen war es das erste Mal. Auch unser kleiner Freiburger Club „Kamai“ war erstmals mit fünf Teilnehmern dabei. Alle konnten nun die Annehmlichkeiten des idyllischen und bewaldeten Umfelds und der komplett ausgestatteten Einrichtungen genießen (Unterkünfte, alle Mahlzeiten, Schwimmbad, Sauna, ein Fußballfeld, das angeblich das höchstgelegene in ganz Deutschland sei). Und wir hatten dank der Höhe von ca. 1300 Metern den Vorteil angenehmer Temperaturen, die mindestens 10 bis 12 Grad unter den Extremtemperaturen lagen, die das Flachland und die Nachrichtensendungen herrschten.

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2019-07-25_11-23-38 Aikido HerzogenhornZudem hatte Grégoire Engrand, einer der besten Chocolatiers Frankreichs (wenn nicht sogar im ganzen Universum, wenn man Pascals Meinung folgt) eine Kiste Proben seiner Spezialitäten mitgebracht. Grégoire ist ein bekannter Unbekannter, dessen Produkte in namhaften Feinkostläden in aller Welt präsent sind, worauf seine unscheinbare Schokoladenmanufaktur „La Ferme au Chocolat“ in La-Houssaye-en-Brie aber nicht unbedingt schließen lässt. Mit seinen Spezialitäten wollte er uns allen natürlich eine Freude machen, nutzte aber auch diese gelegene Verbraucher-Testgruppe für eine improvisierte Marktstudie, indem er gelegentlich nachschaute, auf welche Sorten wir uns gleich am Anfang stürzten und welche noch eine Weile in der Kiste liegen blieben.

Aus alldem kann man entnehmen, dass es in vieler Hinsicht eine sehr glückliche Woche wurde. Und ohne für die anderen Teilnehmer sprechen zu können, scheinen doch die allgemeine gute Laune und die spontane Geselligkeit sichere Hinweise darauf zu sein, dass auch sie es so empfanden. Zumal jeder und jede den eigenen Bedarf an Geselligkeit und an Ruhe frei dosieren konnte. So konnte man sich jederzeit einer Tisch- oder Wandergruppe hinzu gesellen, oder ganz allein, mit den eigenen Gedanken als einzige Begleitung, durch die Natur laufen.

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Aber halt! Ich vergaß! Wir waren natürlich auch für etwas Aikidotraining da. Nach einem ersten, einstündigen Willkommenstraining am Sonntagnachmittag der Anreise verteilten sich die vier täglichen Trainingsstunden von Montag bis Freitag auf jeweils drei Termine.

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Am Anfang war die dünnere Höhenluft schon etwas spürbar, zumal einige direkt aus dem Arbeitsleben gekommen waren, ohne sich zuvor schon ein bisschen im Urlaub erholt zu haben. Aber wie immer passte Pascal Olivier einerseits die Trainingsintensität an die körperliche und mentale Form an, die er bei seinen Teilnehmern feststellte. Andererseits ließ er allen die vollständige Freiheit, auch mal eine Pause zu machen oder eine Einheit zu überspringen, und empfahl lediglich, in solchen Fällen zumindest als Zuschauer beizuwohnen.

2019-07-23_16-47-40 Aikido HerzogenhornWir schrieben es bereits im Bericht zum Jahrgang 2018 dieses Lehrgangs: Pascal sieht das Aikido wie eine Dauerbaustelle. Daher ermutigt er – und kultiviert selbst – Experimente und innovative Kombinationen.

Es ist mit dem Aikido ein bisschen wie mit Mozart: Eine Partitur, aber tausend Spielweisen. Es geht keinesfalls darum, das Aikido zu „verraten“ oder sich von ihm zu entfernen, sondern es ist die Suche nach seiner Essenz und seinen einfachen Grundprinzipien, die den gemeinsamen Fundus für alle erdenklichen Varianten bilden. Das konnte ein bisschen verwirrend sein, etwa für Aikidoka, die ein klassischeres Aikido praktizieren oder es gewohnt sind, den Selbstverteidigungsaspekt mehr zu betonen. Aber auch sie hatten eigentlich bereits 90% des Weges getan, indem sie die Reise machten und ihre Neugier im Gepäck mitbrachten.

2019-07-23_10-43-50 Aikido HerzogenhornApropos einfache Grundprinzipien: Unter den Gegenständen, die diesmal das Shomen zierten, fand sich die Reproduktion einer Gravur mit einer großen Welle. (Eine kleine Recherche ergab später, dass es sich um das bekannteste Werk des Künstlers Hokusai handelt, „Die Große Welle vor Kanagawa“.) Welle und Spirale sind Bewegungsmuster, die das Universum beherrschen und die man auch überall im Aikido wiederfindet, nachdem man durch Jahre des Übens die Ecken und Kanten hinfort trainiert hat – so wie das Wasser eines Bachs beharrlich, aber auch unausweichlich den kantigen Felsen glatt poliert, bis er zu einem abgerundeten Stein ohne jede Kante geworden ist und dem Wasser keinen Widerstand mehr leistet.

Übrigens wirkte auch der Lehrgang ein bisschen so: Man merkt dann schon mit den Tagen eine gewisse Ermüdung, die aber auch das ganze Denken und Grübeln im Kopf herunter dreht, sodass nach und nach ein gedankenfreies Aikido aufkommt, vielleicht sogar ein Stück weit ein absichtsfreies Aikido. Wäre es vermessen, zu sagen, dass die Rundheit und die Empfindungen Tat für Tag flüssiger schienen?

Um gerade die Abwesenheit von Widerstand im Training zu fördern, gab es ein paar kontaktlose Techniken: Uke und Nage versuchten dabei, immer nur einen Hauch Abstand zwischen einander zu belassen, aber ohne zuzugreifen. Der Uke stand dann in der Verantwortung dafür, dem Nage ganz nahe zu folgen, als gäbe es einen Griff. Dem Nage wiederum oblag die Verantwortung dafür, den Uke zu führen und zu fühlen. Die Ausfühungsgeschwindigkeit entsteht dabei aus einer unsichtbaren und sich ständig justierenden Verständigung. Das mag abstrakt wirken. Aber es zeigt auch auf anschauliche Weise die gemeinsame Verantwortung für die Entstehung der Bewegung. In einer Welt, in der die Opferrolle so beliebt wird, ist es vielleicht nicht unnötig, daran zu erinnern, dass die Wirklichkeit in der Regel ein Gemeinschaftswerk ist (und im Aikido ist sie es auf jeden Fall). Ein Nage wird nicht viel lernen, wenn sich der Uke seinem Schicksal ergibt und Aufmerksamkeit und Spannung beendet, um nur noch den (meistens keineswegs unvermeidlichen) Fall über sich ergehen zu lassen.

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Ein fruchtbares Training benötigt also eine wohlwollende Zusammenarbeit. Aikido definiert man ja oft als etwas, bei dem die Energie des Angreifers aufgenommen und anschließend umgelenkt wird. Wenn der Uke sich aufgibt, schließt sich damit die Energiequelle der Bewegung und es kann kein Aikido mehr stattfinden. Im schlimmsten Fall wird der Nage diesen Bruch ausgleichen, indem er den Uke nur noch mit Kraft in die Schlussposition hievt. Dabei wird die aikidoische Widerstandslosigkeit durch koerzitives Einwirken auf den Körper des Partners ersetzt, vielleicht gar durch ein Ringen. Das macht keinem von beiden Spaß. So wurde im Rahmen des Lehrgangs einmal gesagt, dass der Uke einen Anteil am Bewegungserfolg hat, der in manchen Fällen 80% erreichen kann.

Wie als sollte diese Sichtweise vertieft werden, begannen wir an mehreren Tagen aus der Uke-Perspektive heraus. Die erste Trainingseinheit fand immer um 6.30h statt. Um diese Zeit ist der Tag noch ziemlich jung. Aber die Einheiten waren zeitlich alle darauf ausgerichtet, dass jeweils eine halbe Stunde nach dem Ende die nächste Mahlzeit serviert wurde, in diesem Fall das Frühstück um 8 Uhr. Und mehrmals begann das Frühtraining mit Aufwärmübungen, die darin bestanden, die Bewegungen eines zum Boden geführten Uke nachzuahmen, aber ohne von einem Nage geführt zu werden. Das sollte das Bewusstsein für diese Bewegungen erhöhen. Wenn man von einem Nage geführt wird, ist man der Bewegung oft wenig bewusst, vielleicht allein schon weil man so auf den Boden konzentriert ist, der – hach! Hilfe! – so schnell näher kommt. Hier bestand der Nage am Anfang nur in der Phantasie. Der Uke musste also das Geführtwerden aus seiner Vorstellungskraft und seinem Körpergedächtnis heraus wiederherstellen. Später dann kam ein Nage aus Fleisch und Blut hinzu, mit dem wir die gleichen Bewegungen wieder im Zustand des Geführtwerdens erlebten, allerdings locker und langsam, um auch hier das Bewegungsbewusstsein zu maximieren.

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Im Gesamtaufbau des Tages spielte dieses Frühmorgentraining nicht die Rolle des eigentlichen Aufwärmens, sondern diente eher dem „Öffnen“ des Körpers, vielleicht dem Abschütteln der letzten Nebel des Schlafs und dem Start des Motors.

Das eigentliche Aufwärmen fand dann am Anfang der zweiten täglichen Einheit statt, welche von 10 Uhr bis 11.30 Uhr verlief. Fast die Hälfte der Zeit wurde dem Aufwärmen gewidmet. Ohne zu wissen, wie es den anderen dabei ging, gab es da Momente, in denen ich deutlich neue Energie durch den Körper strömen fühlte – was sich ziemlich belebend und angenehm anfühlte.

2019-07-23_11-31-33 Aikido HerzogenhornDas Aufwärmen muss jeder Aikidoka an den eigenen Bedarf anpassen, erklärte Pascal. Warum mache ich dabei diese Bewegung und nicht jene andere? Was bringt sie mir? Mache ich sie nur, weil mein Lehrer sie mir so gezeigt hat, und er wiederum sie von einer Abfolge von Lehrern hat und die ursprüngliche Bedeutung verloren gegangen ist, sofern es eine gab? (Vielleicht diente sie ja nur dazu, irgendeines ehrwürdigen Altmeisters Rheuma zu schonen?) Ergibt die Bewegung für mich einen Sinn? Gibt es vielleicht eine Abweichung, die mir besser liegt? Man muss schon selbst wissen, was gut tut, und hat damit auch selbst die Eigenverantwortung dafür, das Passende zu tun. Warum sollte man eine Standardbewegung einfach nachahmen, wenn man keine innere Verbindung zu ihr findet oder sich kein Sinn erschließen lässt? Es gibt natürlich die gemeinsame Grundausstattung, aber es gibt auch die Optionen, sagte Pascal, und lud uns ein, uns aus den Zutaten auf der Speisekarte das eigene Menü zusammenzustellen.

2019-07-23_09-59-11 Aikido HerzogenhornDas Aufwärmen um 10 Uhr war auch ein besonderer Moment für Experimente. Wir hatten das Glück, nicht nur einen, sondern gleich zwei Gitarristen unter den Teilnehmern zu haben, die ihr Instrument auch mitgebracht hatten: Thorsten und Wolfgang. Dienstag Vormittag bat Pascal Thorsten, das Aufwärmtraining mit Gitarren-Improvisationen zu untermalen. Und so machten wir unsere Übungen bei einem Livekonzert, einer friedlichen Abfolge von Akkorden und kurzen Melodien. Das hatte auch zur Nebenwirkung, vom Denken abzulenken.

Eigentlich war diese Kombination so angenehm, dass man sich fragt, häufiger das Aufwärmtraining mit Musik unterlegen sollte. Gerade nach einem stressreichen Arbeitstag oder anstrengenden häuslichen Pflichten ist es vielleicht nicht so einfach, die kreisenden Gedanken im Umkleideraum abzulegen. Musik kann davon ablenken.

2019-07-25_11-34-17 Aikido HerzogenhornAm kommenden Tag gab es ein weiteres Experiment. Am Anfang der 10-Uhr-Einheit übergab Pascal an Ruth aus Freiburg, Physiotherapeutin von Beruf. Sie leitete das Aufwärmtraining und den Beginn des eigentlichen Trainings. Sie lud uns ein, tiefer ins Körperbewusstsein einzusteigen, jede Aufwärmbewegung mit leichten Abweichungen zu testen, beispielsweise indem man beim Aufstehen den Fuß ein bisschen nach links oder rechts versetzte. Dann ging es darum, in den Körper hinein zu spüren. Durch das innere Feedback sollte die geeignetste Variante gefunden werden. Außerdem konnten wir auf diese Weise aus eigener Erfahrung vielleicht die Logik und die Gründe der Empfehlungen unserer Lehrer besser verstehen. Beispielfrage: Können wir auf diese Weise körperlich besser verstehen, warum beim Aufstehen in Wehrhaltung (Kamae) der Fuß, das Knie und die Hand (von oben gesehen) auf einer Linie sein sollten, statt seitlich versetzt? Dazu probierten wir auch andere Varianten aus, bei denen diese Elemente zu einander versetzt waren oder in leicht unterschiedliche Richtungen zeigten. Anschließend begrüßte Pascal diese Pionierarbeit in Richtung einer der vielen möglichen Richtungen, in die sich das Aikido in Zukunft entwickeln könnte – in diesem Fall in Richtung eines Gesundheit-Aikidos, das den Selbstverteidigungsaspekt komplett abläge und sich auf den dauerhaften Erhalt des Körperkapitals ausrichtete, um auch in fortgeschrittenem Alter beweglich und fit zu bleiben.

Die zweite Hälfte des Vormittagstrainings war in der Regel der körperlich intensivste Teil des Tages. Es wurden zahlreiche Varianten klassischer Techniken erforscht. Mir schien ein immer wiederkehrendes Motiv der senkrechte Kreis zu sein. Mehrere Techniken fanden in Ausprägungen statt, bei denen der senkrechte Anteil stärker als üblich betont war. Dadurch waren die Kreisbewegungen senkrechter ausgeführt als sonst. Es wurde aber auch der Ten-Shi-Aspekt (Himmel-Erde, also Ausdehnung nach oben und nach unten) betont. So wurden manche Irimi Nage näher als gewohnt am Partner ausgeübt. Die waagerechte Umkreisungsbewegung wurde auf ein minimales Maß reduziert. Stattdessen wurde der Uke zu Beginn betont weit nach unten geführt, um sich dann mit mehr Schwung aufzurichten und dadurch der abschließenden Technik mehr Bewegungsenergie zur Verfügung zu stellen, die der Nage aufnehmen und in den Fall hinein verlängern konnte.

Ein anderes Beispiel war ein Kokyu Nage auf einen Gyakku Hanmi Katate Tori: Der Nage führte seine gegriffene Hand weit nach unten, seine freie Hand weit nach oben, also ganz ähnlich einem Ten Shi Nage, nur dass nur eine einzige Hand gegriffen war. Wir fanden also hier etwas wieder, das schon im Vorjahr präsent war, damals aber ausdrücklicher besprochen wurde: Das Stapeln von Techniken oder, besser, die Ausführung einer Technik im Sinne einer anderen – in diesem Fall war es ein Kokyu im Sinne des Ten Shi.

Ein kleinerer, aber ebenfalls deutlicher Kreis fand sich im Sankyo Omote wieder: Wer der Uke schon teilweise am Boden war, griff der Nage seine Hand um und beschrieb dabei einen klaren, senkrechten Kreis, und machte sich damit das Umgreifen leichter.

2019-07-24_11-47-06 Aikido HerzogenhornDen Irimi Nage übte ich mit Martin aus Berlin, einem jungen Mann um die 70, Arzt und langgedienter Aikidolehrer, der bis heute vergisst, sich ernst zu nehmen, und sich den jugendlichen Schelm im Blick bewahrt hat. Um diesen senkrechten Kreisaspekt und seine Auflösung in eine abschließende Welle besonders hervorzuheben, begleitete er die Übung mit den zischenden Geräuschen von Meeresbrandung. Und tatsächlich unterstützte das meine zunächst eher mühseligen Versuche deutlich: erst ganz weit nach unten, dann ganz weit nach oben. Die Welle.

2019-07-25_11-24-09 Aikido HerzogenhornEs war auch besonders lehrreich, mit Aikidoka zu trainieren, die eine jahrelange Lehrerfahrung und sich dadurch einen Fundus an Überlegungen und Tipps erarbeitet haben. Wir hatten nicht wenige Trainer in der Gruppe. Als ich zum Beispiel mit Frank aus Lüneburg einen Sankyo übte, funktionierte seiner wunderbar, meiner hingegen nicht. Ich fragte ihn nach seinem Geheimnis: „Ich achte nicht auf deine Hand, nicht auf deinen Arm, sondern auf deine Schulter. Wenn ich mich auf die Schulter konzentriere, dann entsteht die richtige Bewegung, die sie in Drehung bringen wird, ganz von selbst.“ Den Rat wendete ich gleich an, und auf einmal funktioniert es gut.

Das letzte Training am Freitagnachmittag endete mit drei Varianten des Kokyu auf einen versuchten Gyakku Hanmi, um noch einmal dieses andere Leitprinzip des Übens zu betonen: den Atem.

  • Die einfachste Form bestand darin, dem Uke eine plötzliche Hand vor das Gesicht zu halten; der Uke drückte angesichts dieses plötzlichen Hindernisses den Rücken nach hinten durch und fiel.
  • In der zweiten Variante griff man nach dem angreifenden Arm, tat einen Schritt nach vorne, am Uke vorbei, drehte sich dann um 180 Grad und verlängerte die Vorwärtsbewegung des Uke mit Schwung in eine Vorwärtsrolle.
  • 2019-07-26_11-34-18-aikido-herzogenhorn.jpgIn der dritten Variante bückte sich der Nage plötzlich vor den Uke und machte sich ganz klein, sodass der Uke über diese Hürde stolperte und in eine Vorwärtsrolle verfiel. Diese plötzlichen Rollen waren für fortgeschrittene Anwender eine gute Möglichkeit, die nicht so erfahrenen mit spektakulären, lauten Rollen zu beeindrucken, und für die sehr erfahrenen Aikidoka eine Gelegenheit, den Fortgeschrittenen hingegen mit sehr leisen Rollen zu imponieren, ganz rund und ohne Spezialeffekte.

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BÜRGER, ZU DEN WAFFEN

Wie früher schon lag der Schwerpunkt der letzten täglichen Trainingseinheit eher auf den Waffen – auch wenn diese mehrfach in den anderen Einheiten auftauchten. Alle drei klassischen Holzwaffen wurden eingesetzt: Bokken (Holzschwert in Katana-Form), Tanto (lange Messerform), Jo (halblanger Stock). Das geschah auch in Kombination, etwa bei der Abwehr eines Bokken-Angriffs mit einem Jo.

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Am letzten Tag etwa spielten wir mehrere Antworten auf einen Tanto-Angriff durch.

In der derzeitigen Lehre wird man einen O Irimi bevorzugen, also eine sehr weite Irimi-Bewegung, die den Vorteil birgt, die Wirkungsreichweite der bewaffneten Hand recht weiträumig zu umkreisen. Dann wird man mit einem Kote Gaeshi abschließen.

Wir haben zwei andere, ältere und seltenere Varianten gesehen, bei denen der Nage näher am Uke arbeitet.

  • In der ersten Variante ging der Nage auf den Uke zu und außen auf der angreifenden Seite an ihm vorbei, drehte sich dann schnell um und schloss mit einem engeren Irimi Nage ab.
  • In der zweiten Variante positionierte ein Tai Sabaki den Nage mit dem Zentrum im rechten Winkel zum Uke, was zum Eingang zu einem nicht ganz so engen Irimi Nage wurde.

Die aktuellste Form (O-Irimi-Eintritt + Kote Gaeshi) führten wir mit Ablegen durch. Das war für Pascal die Gelegenheit, auf einen Fehler aufmerksam zu machen, der sehr oft begangen wird und den er sogar als unverzeihlich bezeichnen möchte. Nach dem Kote Gaeshi liegt der Uke erst einmal auf dem Rücken, und der Nage setzt die Bewegung fort, indem er den Arm des Uke über dessen Kopf führt und ihn dabei in einer fließenden Bewegung umdreht. Diese Bewegung wird aber allzu häufig zu hoch über dem Kopf des Uke ausgeführt. Dabei sollte der Uke eigentlich seinen eigenen Ellbogen ganz nahe über sein Gesicht vorbeifliegen sehen. Denn um ihn umzudrehen, muss man auf seine Schulter wirken, die wiederum den Rumpf bewegen wird.

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Bei vielen Bewegungen des Aikido wirken wir auf die Gliedmaßen und Enden des Körpers, um seine großen Massen zu bewegen. Das professionelle Kranken- und Altenpflegepersonal nutzt jeden Tag das gleiche Prinzip, um Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit umzudrehen oder zu bewegen. Sie wenden es nicht nur an, weil es wirksam, sondern auch, weil es schonend ist und keine Schmerzen verursacht. Das gleiche gilt im Aikido. Wenn der Nage den Arm des Uke beim Umdrehen zu hoch über den Uke führt, muss er zwangsläufig daran zerren, um die geringe Wirksamkeit der Bewegung auszugleichen, und das ist für den Uke ein unangenehmes Gefühl und kein gerechter Lohn für seine wohlwollende Kooperationsbereitschaft.

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2019-07-25_11-31-20-aikido-herzogenhorn.jpgAber zurück zu den Waffen. Wie immer bestand Pascal auf ihre Bedeutung als Begleitung eines Individualtrainings, wenn keine Partner verfügbar sind, z.B. zuhause. Aber Partmerübungen sind damit natürlich auch möglich, darunter auch ein paar standardisierte Übungen. In diesem Sinne führten wir wieder wie letztes Jahr die vier Bokken-Ünungen durch, die an die Vier Elemente angelehnt sind und die jeweils eine Eigenschaft aus dem ihnen zugeordneten Element repräsentieren:

  • Schwert des Wassers: Die flüssige Bewegung könnte endlos weitergehen und erinnert an das Plätschern des Wassers in einem Bach oder das Klopfen eines Boots gegen den Steg.
  • Schwert der Luft: Die Spitze des Bokken zeichnet den Umriss des Partners, bleibt dabei aber in der Luft hängen, ein paar Zentimenter vom Partner entfernt, ohne Berührung.
  • Schwert des Feuers: Der schnelle „Schlag“ am Anfang könnten Funken sprühen und damit Feuer zünden.
  • Schwert der Erde: Der Verteidiger pariert zunächst von unten, also von der Erde, in einer nach oben gerichteten Verteidigung. Dann geht es weiter.

Die vier Abläufe sind übrigens als Video verfügbar. Wir drehten es am vorletzten Abend im Dojo.

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EINE FRAGE DER PRINZIPIEN

2019-07-23_16-56-30 Aikido HerzogenhornPrinzip Atem: Pascal hat diesmal – zumindest in seinen mündlichen Ausführungen – nicht so sehr auf den Atem als etwas bestanden, das die Technik nicht begleiten, sondern leiten sollte. Aber die Leser seines Weblogs oder die Wiederholungstäter unter seinen Besuchern wissen um die Bedeutung, die er der Steckverbindung zwischen dieser primären Energiequelle des Atems und der Ausführung der Bewegung beimisst: Die Technik sollte dem Atem folgen, nicht umgekehrt.

Prinzip Langsamkeit: Ein anderes Prinzip, das sich hier wiederfand, war die Langsamkeit, nach dem Motto: „Wer das Schwierige kann, kann das Einfache erst recht.“ Denn die Schnelligkeit stellt sich ganz von selbst ein, wenn man nicht aufpasst. Sie ist aber auch eine gute Weise, eine Technik nicht wirklich zu erforschen, sondern eilig in Richtung Ausgang zu preschen. Das Schwierigere ist nicht die schnelle Ausführung, sondern die langsame. Je langsamer sie ausgeführt wird, desto mehr Achtsamkeit kann sich einstellen (wenn man mir diesen modischen Achtsamkeitsbegriff nachsieht). Sie schreibt sich dann im Körpergedächtnis fest. Eine schnelle Ausführung hingegen ist eher ein Überfliegen in der Technik – im übertragenen Sinn, manchmal aber auch im wahrsten Sinne des Wortes (vor allem für den Uke). Also waren wir oft angehalten, nicht den einfachen Weg zu gehen, sondern den Lerneffekt durch Verlangsamung zu maximieren.

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Prinzip Abstand: Hin und wieder stach auch dieses Prinzip des möglichst gleich bleibenden Abstands zwischen den beiden Partnern im Training hervor. Um das Prinzip sichtbar zu machen, haben wir beispielsweise die oben erwähnten Techniken ohne Berührung durchgeführt. Am vorletzten Tag wurde Pascal noch deutlicher: „Wenn Sie sich nur an einziges Prinzip dieses Lehrgangs erinnern wollten, dann bitte an das Aufrechterhalten eines gleich bleibenden Abstands zwischen den Partnern. Und wenn Sie sich an nur eine Technik erinnern möchten, dann an den berührungslosen Irimi.

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AUS WEIß WIRD SCHWARZ

Pascal erzählte uns, dass das Prinzip der Gürtel und der Dan-Nummerierung gar nicht so alt ist und vielleicht um die 1940er Jahre herum eingeführt wurde. Zuvor entließen die Sensei ihre Schüler mit einem Brief, der beteuerte, dass er diesem Schüler all sein Wissen übertragen habe (eine oft ziemlich abenteuerliche Behauptung). Bis dahin war ein Schüler letzten Endes oft im Unwissen darüber, welches relative Niveau er denn erreicht hatte. Die Übergabe eines bestimmten Dan bleibt natürlich ebenfalls eine sehr subjektive Angelegenheit, erlaubt aber immerhin, dem Schüler ein paar Meilensteine an den Wegesrand zu stellen, um ihn über die bereits zurück gelegten Entfernungen zu informieren.

Am Ende des letzten Mittwochtrainings kam die Veranstalterin, Sybille Haase vom Aikido Dojo Lüneburg, nach vorn und kündigte an, dass sie nach Rücksprache mit Pascal Olivier zwei Schwarzgurte des ersten Dan dabei habe, um sie den Aikidoka Thorsten Volbert und Christian Murath (beide aus Berlin) zu überreichen. In einer kurzen Ausführung erklärte sie, dass damit natürlich das Können der beiden Aikidoka gewürdigt werden sollte, aber auch und vor allem ihre menschlichen Qualitäten auf der Matte, etwa wenn sie sich als Uke in den Dienst anderer Aikidoka stellten.

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GESELLIGKEIT

2019-07-24_19-16-33-aikido-herzogenhorn.jpgZu den erklärten Zielen des Lehrgangs gehörten natürlich auch gute Laune und Geselligkeit, also zwei Eigenschaften, die auf beiden Seiten des Rheins gleichermaßen geschätzt werden, wie zahlreiche Gespräche auf deutsch oder französisch oder notfalls auch auf englisch belegten. Grégoire fragte sich laut, wie er jemals den anderen Vereinsmitgliedern aus Ozoir, die nicht mitgekommen waren, diese Glücksgefühle kommunizieren sollte, die ihm diese Woche bescherte. Seine Antwort war, dass die einzige Weise, es nachzuvollziehen, eine Teilnahme am Lehrgang war.

Nach jedem Training hatte man eine halbe Stunde für Umziehen und ggf. Dusche, und dann stand auch schon die nächste Mahlzeit als All-You-Can-Eat-Büffet im Restaurantbereich bereit.So konnte jeder seine Mahlzeiten dosieren und satt werden. Der Tag klang dann mit langen Abenden auf der Terrasse unter freiem Himmel bei durchaus angenehmen Temperaturen aus. Das Wetter wartete freundlicherweise auf den letzten Abend, um ein bisschen Regen abzuwerfen, und verwöhnte unsere Freiluftgeselligkeit bis dahin mit durchgehend schönem Wetter.

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Am Freitagabend fand sich die gesamte Gruppe nach einem Spaziergang oben auf dem Herzogenhorn, dem zweithöchsten Schwarzwaldgipfel (1415 Meter), zusammen, um Thorstens und Christians ersten Dan zu feiern – Côtes-du-Rhône und Sonnenuntergang inklusive.

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Thorsten und Wolfgang begleiteten den Abend vor weitem Panorama mit Gitarren-Duos.

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Mit den Gitarren faszinierten sie auch eine Herde Jungrinder, die sich in eine Reihe an den Weidezaun stellten, um der Musik in andächtiger Ruhe zuzuhören und sich von ihr wiegen zu lassen.

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Am Samstag wieder kam uns das Wetter sehr entgegen, da die Temperaturen um mehr als 10 Grad gesunken waren. So konnten alle ihre teils weite Reiseroute (etwa nach Paris, Berlin, München…) aufnehmen, ohne unter drückender Hitze zu leiden.

Und so gingen wir auseinander. Es war nur ein kleiner Schritt für die französisch-deutsche Freundschaft, aber ein großer Schritt für alle, die dabei waren.

FAZIT

Um die unendliche Vielfalt des Aikido in der Tiefe zu erforschen, bedarf es eines offenen Geistes, Wohlwollens und der Freiheit von allen Dogmen. Stellen Sie sich also vor, dass sich eine Gruppe Menschen mit Geistesoffenheit und Wohlwollen in einem idyllischen Rahmen zusammenfinden. Behalten Sie dieses Bild einen Augenblick vor dem geistigen Auge. Wenn Ihnen das wie aus einem Traum erscheint, warum überlegen Sie sich nicht, nächstes Jahr vom 19. bis 25. Juli 2020 dabei zu sein?

Die neue Ausschreibung ist auch schon öffentlich: http://aikido-dojo-lueneburg.de/aikido/seminare/

Text & Fotos: Alexander Hohmann, Freiburg, Kamai e.V.

(Weiterer Artikel: Bericht vom Lehrgang 2018)

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