Aikido-Videokurs, 2. Folge

Forsetzung der Einheit Nr. 1! Lassen Sie uns gemeinsam das Abenteur verfolgen. Wie spannend! Ist es nicht wunderbar, auf diese Weise vorankommen, entdecken, üben, besser werden und die eigenen Fortschritte erkennen zu können, und dabei die Videoaufnahmen so oft wieder anzuschauen, wie wir sie brauchen? Welch wunderbares 21. Jahrhundert, das uns solche Werkzeuge zur Hand gibt, die sich noch vor vielleicht einem halben Jahrhundert manch Science-Fiction-Autor nicht erträumt hätte.

Haben Sie die Einheit Nr. 1 ausreichend oft angeschaut und vor allem geübt?

Trainieren Sie immerfort. Nur so kommt man voran. Mit Partner. Oder allein, wenn es nicht anders geht. Wir werden bald feststellen – schon ab dieser zweiten Einheit – dass zahlreiche Übungen allein geübt werden können – und seien es nur die Raumbewegungen, die Wehrhaltungen, der Stand, sowie die Handhabung der Waffen: Schwert, Messer, halblanger Stock.

Die Grundlage aller Grundlagen ist das Zeremonielle. Wie alle anderen Bestandteile der japanischen Kultur besitzt es seine eigene Logik und seine eigene Daseinsberechtigung. Nichts ist unnütz: Alles hat einen Sinn. Und was gegenüber einem anderen Menschen getan wird (der Gruß), gilt in Wirklichkeit auch uns selbst. Auf der symbolischen Ebene sind der Gruß und die Höflichkeit auch ein Erweisen von Ehre und Respekt gegenüber sich selbst. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit in der Beziehung ist der Grundsatz der japanischen Zivilisation, die seit Jahrhunderten, vielleicht sogar seit Jahrtausenden das Friedensprinzip als Ausdruck seiner Essenz gewählt hat. So nennt sich Japan selbst „YAMATO„, was sich in der japanischen Schrift doch tatsächlich wie „der große Frieden“ schreibt. Dieses Wort hat dort ungefähr die Bedeutung, die „Gallien“ für Frankreich hat, nämlich die tiefste Herkunft symbolisiert!

Der Gruß und die Art und Weise, sich zu halten und zu verhalten, enthalten zudem wertvolle Körperübungen, die uns helfen, unser Muskel-, Knochen- und Knorpelkapital in einem guten und lockeren Zustand zu bewahren, und das vielleicht bis in ein fortgeschrittenes Alter. Diese Übungen sind also in ihrem Wesen wohltuend. Das Wohltuende sollte das Ziel allen Übens sein, und ist hier das erste Ziel unseres Übens.

Auf die Knie gehen, grüßen, aufstehen ohne die Hände zur Hilfe zu nehmen. Dann wieder auf die Knie gehen – ganz weich und vorsichtig, als würden Glasscherben oder Nägel am Boden liegen. Wir dürfen niemals auf unsere Knie „fallen“: Sie sind empfindliche Gelenke. Wir müssen sie mit größter Sorgfalt behandeln, sie gehören zu den besten Freunden unseres Lebens.

Dann aufstehen, sich vorwärtsbewegen (langsam gehen), die Füße sind parallel zueinander und gleiten über den Boden (ohne aber diese Gangart zu karikieren), sich bewegen, Grundhaltungen einnehmen. Die Wehrhaltung, locker und deutlich, die Bewegungen aus der Einheit Nr. 1 (welche in jeder Trainingseinheit wiederholt werden sollten, da sie die Grundtonübungen unseres Trainings sind).

Neu in dieser Einheit Nr. 2 ist die Art, das Schwert zu halten:

  1. Sich am Anfang vor dem Schwert verneigen. Denn wir sollten auch das Holzschwert (BOKKEN) wie eine echte Klinge behandeln und uns bewusst sein, dass wir nun richtige Waffe einsetzen. Dieser Gruß gibt Ihnen auch die halbe Sekunde Bedenkzeit darüber, ob Sie jetzt wirklich eine Waffe nutzen wollen oder ob das nicht doch ein Fehler ist. Das ist der Sinn der Verneigung vor dem Schwert (oder vor jeder anderen Waffe).
  2. Das Schwert in den Gürtel stecken,
  3. das Schwert aus der Schwertscheide ziehen (die man sich bei einem Holzschwert einfach vorstellt) – wir sehen später einmal, wie es mit einem echten Schwert geht),
  4. die Wehrhaltung einnehmen.

Ihnen fällt sicher auf, dass wir bei den ersten drei Durchgängen das Schwert gleich wieder seitlich wegführen. Um die Geste zu verfeinern und ihr mehr Echtheit zu verleihen, „stecken“ wir das Schwert anschließend wieder in die „Schwertscheide“. Die existiert zurzeit zwar nur in der Vorstellung. Aber es ist wichtig, die Handlung nachzuahmen und dabei die leicht geschlossene Hand als simulierte Mündung der Scheide zu verwenden. So kommt man sehr nahe an das echte Gefühl heran.

Der Schwertangriff ist locker und fließend, wie auch jede andere Aikido-Bewegung. Alles passiert gleichzeitig: Vorwärts gehen, das Schwert heben, und das simulierte Aufschlitzen des Gegners (oder, für uns treffender: des Partners).

Einheit Nr. 2: Und schon geht die Action los! Wir setzen jetzt mal voraus, dass die Lehren aus der ersten Einheit verstanden sind, auch wenn sie noch nicht völlig verinnerlicht sein mögen. Man sollte immer wieder zu ihnen zurückkehren, weil sie ein Fundament bilden, das für einen harmonischen Fortschritt unerlässlich ist.

So weiß man dann auch gleich, wie man die Bewegung namens KOTE GAESHI NAGE anwenden kann. Der Name bedeutet „Wurf mit Umdrehen des Handgelenks“, ist aber eigentlich eine Körper- und keine Armbewegung.

Alles ist bedeutsam: Die Anfangshaltung, die Beweglichkeit, die sofort einsetzt sobald der Partner seine Bewegung beginnt, und zugleich die Senkrechtigkeit, also die Stabilität, die zugleich die erforderliche Beweglichkeit garantiert, ohne die das Üben nicht wirklich fruchten wird.

Rollen: Das Abrollen ist keinesfalls ein „Fallen“, auch wenn – ebenso gern, wie fachlich ungenau – von „Fallschule“ geredet wird. Es geht darum, über den Boden hinweg zu rollen, so wie ein Skifahrer es instinktiv tut, wenn er im Pulverschnee seinen Skier verliert: Er lässt sich von der Bewegung führen, rollt und rollt, und steht ein paar Meter weiter ohne Schaden wieder auf.

Die Anfangsrolle im Aikido wird weder vorwärts, noch rückwärts ausgeführt, sondern ganz einfach seitwärts! Damit geht man kein Risiko ein und kann sich auf die Seite fließen lassen (sich seitwärts auflegen), ganz ohne zu „fallen“. Wir wollen uns ja nicht wehtun! Beim Üben darf man sich niemals wehtun. Man darf auch niemals dem Partner wehtun, denn wie der Name es schon sagt, ist er ja da, um unsere Fortschritte zu unterstützen.

Später werden wir zur rechten Zeit auch Vorwärts- und Rückwärtsrollen sehen; aber es geht in jedem Fall darum, gewissermaßen wie eine Löschwippe, die sich locker und ganz ohne Aufprall auf das Papier legt, auf dem Boden aufzukommen. Alles zu seiner Zeit: Für jetzt geht es erst einmal darum, das Zentrum unserer Schwerkraft zu senken und sich dann locker und seitlich auf den Boden zu legen. Übrigens ist das auch die Art, auf die Fallschirmspringer auf dem Boden landen: Sich widerstandslos auf den Boden fließen lassen, sich locker auflegen, um jeden Aufprall und damit jeden Sturz zu verhindern. Sie können solch eine Landung von einer kurzen Leiter aus üben (zum Beispiel beim Heckenschneiden): Keinen Widerstand leisten, sich fließen lassen, und sich am Ende ablegen und zur Seite rollen. Kleinkinder wissen genau, wie es geht: Man muss ihnen dabei nur zuschauen und schon weiß man Bescheid!

Bitte beachten Sie, dass wir hier von vornherein lernen, am Boden zu rollen, ohne die Hände einzusetzen. Und das hat einen Grund: Mit den Händen hält man nämlich das Schwert! So wird die Übung gewissermaßen anspruchsvoller, bewirkt aber auch eine ganz natürliche Vermeidung, auf den Boden zu plumpsen. Wenn man das Schwert so hält, dass es nicht auf den Boden prallt, macht man sich die Landung deutlich leichter, und die Bewegung wird in ihrem Wesen merklich verbessert. Es ist also sinnvoll, diese lockeren Bodenrollen zu üben, während man einen Gegenstand hält.

Messer (TANTO): Halten Sie das Messer in der Hand, legen Sie den Daumen auf dieselbe Seite wie die anderen Finger. Dadurch dreht sich das TANTO durch das Gewicht der Klinge. Der stumpfe Teil der Klinge ist es dann, der in den Kontakt mit unserem Vorderarm kommt. Das ist äußerst wichtig, denn unsere Sicherheit muss immer gewährleistet sein!

Man kann die Handhabung des TANTO so üben, wie hier gezeigt. Das ist eine Grundbewegung. Später sehen wir weitere Arten.

Anschließend üben wir eine sehr lockere Ausführungsform der GOKYO-Bewegung (das „Fünfte Prinzip“, das übrigens in zahlreichen Punkten dem Ersten Prinzip oder IKKYO ähnelt). Das Ziel ist es hier, sich mit weit ausladenden Bewegungen vertraut zu machen – O IRIMI – und davon machen wir gleich zwei: die eine zum Ausweichen, die andere, um die Kontrolle über den Partner zu übernehmen, indem wir über unsere Bewegung auf seinen Arm einwirken. Auch da ist es keine Armbewegung, sondern eine Körperbewegung, die über den Arm auf den Partner wirkt. Drücken Sie nicht, ziehen Sie nicht, beides wäre falsch. Führen Sie einfach den Partner bis zum Boden.

Wichtig ist, dass es nicht darum geht, einander herauszufordern oder Großangriffe zu fahren, sondern zunächst einfach darum, die Bewegung zu lernen: Der Angreifer lernt anzugreifen, der Verteidiger lernt, sich räumlich und zeitlich auf den Angriff einzustimmen (Harmonie) und entsprechend zu bewegen. Man sollte in einem Geiste der gegenseitigen Vervollständigung trainieren. Später dann, vielleicht viel später, kann man sich mit Partnern gleichen Niveaus „messen“, natürlich ohne jegliche Feindseligkeit: Die Angriffe werden dann mit Überzeugung gefahren, und die Verteidigungstechniken erfolgen dann ebenso wahrhaftig, allerdings ohne Kraftanstrengung und ohne jeden Zerstörungswillen. Aber so weit sind wir noch nicht.

IKKYO-Bewegung: Sie erfolgt hier auf einen Faustangriff zum Gesicht. Auch diesmal ist der Verteidiger ganz auf zeitliche Abstimmung bedacht (Gleichzeitigkeit des Handelns) und weicht nach außen aus, während er den Angreifer mit dem „Ersten Prinzip“ oder IKKYO führt. Wie Sie sehen, ist das fast genau die gleiche Bewegung, die wir vorher auf einen seitlichen Angriff mit dem TANTO durchgeführt hatten. Nur das Greifen mit der Hand ist anders (beobachten Sie aufmerksam dieses technische Detail).

Dass wir für unsere Schulung auch Faustangriffe auf das Gesicht nutzen, entspricht nicht ganz der reinen Lehre des „gewohnten“ Aikido-Trainings; gleichwohl ist es wichtig, von Anfang an mit halbwegs realistischen Situationen zu üben, um die Geschehnisse präziser zu erfühlen. Selbstverteidigung ist das zwar nicht, aber wir wollen schon mal mit den richtigen Gewohnheiten einsteigen und Techniken so lernen, dass sie zeitlich gut auf den Angriff abgestimt sind.

Anschließend sehen Sie eine lockerere Form des IKKYO auf einen Überkreuzgriff: Die Bewegung ist die gleiche wie auf einen Schlag zum Gesicht, aber die Ausführung ist friedvoller. Wenn man erst einmal die Erfahrung des Angriffs zum Gesicht gemacht hat, kann man umso gelassener eine Ausführungsform angehen, die sehr theoretisch und sogar ziemlich hanebüchen anmutet.

Man sollte das Aikido in seinem tatsächlichen Kontext verorten: Es ist kein Kampfsport, sondern eine Kunst, die ihren Ursprung im Kampf findet und sich in zahlreiche mögliche Richtungen entwickeln kann, wie etwa Gesundheitsmethoden, oder Meditationen in Bewegung. Aber der Ursprung im Kampf sollte immer irgendwo präsent bleiben. Andernfalls verkommt das Training zur Beliebigkeit bei den Angriffen und kann sogar zu einem Trugbild über die eigene Kraft und Wirksamkeit führen. Indem wir den Wirklichkeitsbezug aufrecht erhalten, weihen wir hier eine Art und Weise ein, das Wie und das Warum vieler vorgestellter Übungen überhaupt zu verstehen.

Wir schließen mit einer Wiederholung der Bewegung KOTE GAESHI NAGE ab, und zwar auf ganz lockere Weise. Handeln Sie, sobald der Partner nach vorne kommt, indem Sie nach seiner vorderen Hand mit Ihrer Hand auf der gleichen Seite greifen (z.B. mit Ihrer linken Hand die rechte Hand des Partners). Der Partner rollt dann auf der Matte ab, wie in der ersten Einheit gezeigt. Nachdem Sie die vorherigen Übungen durchlaufen haben, stellen Sie fest, dass die Form runder wird, und dass die Arbeit mit einem greifenden Angreifer (anders als bei Schlägen oder Messerangriffen) es leichter macht, mit Gelassenheit eine auf das Wesentliche reduzierte Technik anzugehen – mit der Reinheit der Bewegung als einzigem Ziel.

Bald kommt die dritte Einheit. Das Ziel ist es, Trainingsinhalte für mindestens dreißig Jahre Training zu vermitteln, andernfalls wäre dieses Blog bedeutungslos. Über dreißig Jahre hinweg haben wir Zeit, um vieles zu studieren und entdecken – vielleicht nicht alles, aber doch einen bedeutsamen Teil des Aikido-Repertoires.

Bitte beachten Sie, dass wir Dinge auf eine andere, manchmal völlig andere Art lernen werden, als man sie für gewöhnlich in „Dojos“ oder Sporthallen sieht: Wir folgen keinem „offiziellen“ Programm (denn wer sollte über ein solches entscheiden?), sondern starten hier etwas Neues und vielleicht noch nie Dagewesenes: Wir beginnen über die Augen und mit der Logik des Anfängers, weitmöglichst entfernt von irgendeiner Art von Dogma, denn Dogmen setzen den Aikido-Spieler nicht frei, sondern sperren ihn in einen geistigen Käfig, was wir hier um jeden Preis vermeiden möchten.

Dieser Kurs ist wahren Anfängern gewidmet. Allerdings können natürlich auch Aikidoka, die schon ein bisschen Erfahrung haben, ihn ausprobieren! In diesem Fall besteht die Teilnahmebedingung in der Fähigkeit, zumindest vorübergehend zu vergessen, was er oder sie zu wissen glaubt.

Viel Spaß am Üben!

Pascal OLIVIER.


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