LEHRGANGSEINDRÜCKE: EINE WOCHE IM SCHWARZWALD MIT PASCAL OLIVIER, JULI 2018

LZHorn

(Dieser Artikel ist nicht von Pascal Olivier, sondern von einem Lehrgangsteilnehmer.)

Es war schon die neunte Ausgabe! Vom 22. bis 28. Juli fand der jährliche Aikido-Lehrgang im Schwarzwald mit Pascal Olivier statt. Ausgerichtet wurde er wieder vom Seiryukan Aikido Dojo Lüneburg. Der Ausrichtungsort war das Leistungszentrum Herzogenhorn, das in etwa 1300 Metern Höhe auf einem Sattel zwischen den beiden höchsten Gipfeln des Schwarzwalds liegt, nämlich dem Feldberg und dem Herzogenhorn. HornPanorama2Das Zentrum umfasst alle erforderlichen Infrastrukturen: Unterkünfte, einen Gastronomiebetrieb, ein Dojo (d.h., eine vielfältig nutzbare Basketballhalle mit großer Fensterfront), Schwimmbad, Sauna. Es liegt mitten in der Natur, umgeben von Wäldern und den grünen Wallungen und Panoramen dieses Gebirges.

Kurzum: Man kann an dem Ort eine ganze Woche dem Training und der Entspannung widmen, ohne ihn zu verlassen, und dabei vollständig abschalten. Raum gibt es genug, sowohl für das gemütliche Beisammensein mit den anderen Lehrgangsteilnehmern, als für Momente, in denen man auch mal ganz allein für sich Ruhe finden oder wandern möchte. Denn der Schwarzwald ist ein bekanntes Wanderparadies und von vielen gut ausgeschilderten Wanderwegen durchzogen.

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Zudem entkamen wir da oben der Hitzewelle, die in der Woche über die unteren Regionen hereinbrach. Dank der Höhe hatten wir mindestens 10 Grad weniger als in der benachbarten Rheinebene.

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LEHRGANGSAUFBAU

Der tägliche Hergang des Lehrgangs bestand aus drei täglichen Blöcken:

  • Pascal2ein Warmlaufen von 6.30 bis 7.30h morgens, mit Aufwärmen und ein paar nur angedeuteten Techniken, um die Biomechanik in Gang zu setzen, bevor es dann zum Ernst der Dinge überging, nämlich zum Frühstück;
  • ab 10 Uhr wurde anderthalb Stunden lang trainiert (manchmal ein bisschen mehr), beginnend mit einem Aufwärmen, danach weit überwiegend Techniken mit leeren Händen;
  • eine letzte Einheit von 16h bis 17.30h, mit den Waffen als Schwerpunkt.

Sowohl die Länge des Lehrgangs als die Anzahl und Dauer der täglichen Einheiten können auf den ersten Blick abschreckend wirken. Sie hatten zumindest den Autor dieser Zeilen beeindruckt, allerdings zu Unrecht, wie sich heraus stellen sollte.

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DER EINSTIEG

Am Sonntag trafen die Teilnehmer aus vielen Ecken Deutschlands ein. Pascal Olivier hatte ein Mitglied seines Vereins mitgebracht, Nathalie, die einzige weitere Französin, die aber vor Ort mehrere Ansprechpartner vorfand, die sich in ihrer Sprache mit ihr unterhalten konnten.

Pascal leitete dann den gesamten Lehrgang auf englisch. Er kündigte in dieser ersten Sonntagnachmittagseinheit gleich an, was er vorhatte: ein paar Gewohnheiten aufmischen und etwas Verwirrung stiften, um damit den Geist für ein paar neue Erfahrungen weiter zu öffnen.

nathaliestephan.jpgWir wurden in der ersten Einheit eingeladen, die Übungen als Nage durchzuführen, ohne aktiv den Partner zu greifen. Die Aufrechterhaltung des Kontakts stand also unter der Verantwortung und Achtsamkeit beider Partner. Der Uke folgte aktiv und freiwillig, der Kontakt blieb auf das geringste Maß, auf einen Hauch einer haptischen Information beschränkt.

Am Ende der ersten Einheit teilte Pascal uns mit, dass wir das Schwierigste des ganzen Lehrgangs damit bereits hinter uns hatten, nämlich diesen Widerspruch zwischen Kontakt und Nichtkontakt zu handhaben. Er benutzt ein Bild, das ein paar weitere Male auftauchen würde: das des Fächers, von dem jeder Stab einen Evolutionszustand des Aikido darstellt. Die Stäbe ganz links stehen dann für die klassischen oder sogar antiken Techniken. Die Stäbe ganz rechts kündigen ein „futuristisches“ Aikido an.

Wenn das Aikido eine Kunst ist (in dem Fall eine „Kampfkunst“ bzw. „Kriegskunst“), dann bekommen wir mit Pascal einen gelegentlichen Streifblick auf abstrakte Kunst. An die Stelle der sehr figurativen und (selbst)zerstörerischen Logik des Kampfes rückt eine Evolution, die zwar die Wurzeln der Bewegungen immer noch in diese Konfliklogik taucht, ihren Ablauf aber in die Perspektive einer Zusammenarbeit setzt.

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Später hatte ich mit Christian, einem Aikidoka und Trainer aus Berlin, ein Gespräch zu diesem Thema und meinte: „Es ist doch eine Paradoxie, dass wir die Bewegung aus einer Angriffs-und-Verteidigungslogik heraus verstehen sollen, die der Vernichtung gewidmet ist, sie dann aber im Sinne von Frieden und Kooperation durchführen sollen.“ Er antwortete mit dieser schönen Formel: „Das ist genau der Widerspruch, den Ueshiba aufgedeckt hat. Aber statt ihn mit Kampf zu lösen, löste er ihn mit Harmonie auf.

Derselbe Ueshiba, der in seinen jüngeren Jahren das Kämpfen und Töten lernte und lehrte, ging letztlich zu einer progressiven „Entmilitarisierung“ der Kampfkunst / Kriegskunst über. Er entdeckte, dass der einzige wahre Gegner in jedem selbst steckt – und es genau dieser ist, der ein Leben in Harmonie verhindert. Denn diese kann im Außen nur bestehen, wenn sie zunächst im Innen hergestellt ist.

EINE DAUERBAUSTELLE

Shomen3Pascal verschreibt sich also ausdrücklich einer evolutionistischen Herangehensweise ans Aikido, welches nicht eine bereits weithin kodifizierte Kunst sein soll, der es kaum noch etwas hinzuzufügen gebe, sondern ganz im Gegenteil eine Dauerbaustelle, die noch viele Geheimnisse und Schätze birgt, die darauf warten, gelüftet und gehoben zu werden.

Aufgeklärte Leser wissen sicher, dass es derzeit (zugegebenermaßen sehr schematisch aufgeteilt) zwei Trends im Aikido gibt. Einerseits gibt es jene, die ein zeitlich ziemlich stabiles Aikido lehren, auf der Idee fußend, dass im Großen und Ganzen bereits alles gesagt ist. Sie berufen sich oft auf eine direkte oder abgeleitete Legitimität als ehemaliger Ushideshi („Lieblingsschüler des Meisters„).

Auf der anderen Seite gibt es die, die denken, dass Ueshiba seine Kunst so weit entwickelte, wie möglich, dass er aber an die Grenzen der menschlichen Lebenszeit stieß und dann der Nachwelt die Aufgabe überließ, seine Entdeckungsreise fortzusetzen, ohne die Formen jemals zu einer Orthodoxie erstarren zu lassen, die er selbst niemals formuliert zu haben scheint.

Keine der beiden Richtungen ist wertvoller als die andere, jede ist reich an Erkenntnissen, fügt Pascal hinzu. Aber er selbst schließt sich klar dieser zweiten Richtung an. Für ihn wird das Aikido immer diese Dauerbaustelle bleiben, die sich aus ihrer eigenen Dynamik, aber auch in Wechselwirkung mit ihrer Zeit weiter entwickelt. Immerhin: Hatte nicht Ueshiba selbst das Aikido in einem Japan erschaffen und aufgebaut, das zunächst noch stark militaristisch war, um es dann nach 1945 in einem Japan weiter zu entwickeln, das jedem Militarismus klar abgeschworen hatte?

Jeder Lehrgang mit Pascal ist also eine Einladung, mit ihm auf Forschungsreise zu gehen, aber auch dazu, diese danach in Eigenregie und Freiheit weiter zu verfolgen.

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DAS PRINZIP EINER BEWEGUNG MIT DER AUSFÜHRUNG EINER ANDEREN KOMBINIEREN

Wir kannten schon Techniken wie Koyuu Nage oder Ten-Shi Nage. Ungewohnter waren Stapelungen oder Kombinationen: den Geist, der die Grundlage einer Technik bildet, als Hintergrund auf die Ausführung einer anderen anwenden.

Nehmen wir zum Beispiel das Prinzip Kokyu („Atem“ auf japanisch). Das Atmen ist eine der wenigen Körperfunktionen, die sowohl bewusst als unbewusst laufen können (der Gesichtsausdruck ist ebenfalls eine solche). Nur weil wir nicht mehr ans Atmen denken, hören wir nicht auf, zu atmen. Bei den meisten unserer Tätigkeiten läuft der Atem mal schlecht, mal recht hinterher, ohne dass wir darauf achteten – es sei denn, dass er kürzer wird und uns die ausgehende Puste an die Grenzen unserer Lungenkapazität erinnert.

Schlimmer noch: Wir tendieren dazu, den Atem ausgerechnet im Moment einer starken Anstrengung anzuhalten. In vielen Traditionen (etwa in der traditionellen chinesischen Medizin) wird der Atem als der Eingang der Lebensenergie in den Körper angesehen. Diese Energie verbreite sich über diverse Energiebahnen, um den gesamten Körper zu versorgen. Den Atem in einem Moment erhöhter Anstrengung anzuhalten ist demnach so, als drehte man der Lebensenergie ausgerechnet in dem Moment den Hahn zu, in der man sie am meisten braucht.

KokyuWas, wenn wir nun den Atem nicht einfach sich selbst überließen, damit er irgendwie unsere Tätigkeiten begleitet, sondern diese Logik auf den Kopf stellten? Was, wenn wir nicht nur wieder in vollem Bewusstsein Besitz von unserem Atem ergriffen, sondern ihn auch noch die Bewegung leiten ließen? Das ist eine wesentliche Komponente des Kokyu-Prinzips: Die vom Atem symbolisierte Lebensenergie wird in die Bewegung kanalisiert. Der Atem treibt die Bewegung an, statt ihr hinterher zu laufen. Eine andere Komponente des Kokyu-Prinzips ist die räumliche Ausdehnung. Diese Kombination aus Energie und Raum vermittelt dem Uke den Eindruck, von einer Welle aus zu Bewegung gewordenem Atem überrollt zu werden.

AblegenWenn man den Techniken nun diese Grundprinzipien entnimmt, kann man sie auf andere Techniken übertragen, um ungewohntere Kombinationen zu bilden. Man kann beispielsweise einen Shiho Nage oder einen Nikkyo „im Geiste des Kokyu“ ausführen, d.h., sie ausdehnen, vom Atem leiten lassen, und den Endwurf in weitere Ferne und zum Horizont schicken.

Eine andere dieser Kombinationen, die wir gesehen haben, bestand aus der Ausführung „im Geiste des Ten-Shi„. Wie der Name („Himmel-Erde„) es schon sagt, wurden hier die senkrechten Teile der Bewegung deutlicher hervor gehoben, als üblich, sodass die Ausführung insgesamt senkrechter wurde.

All das verlangt den Partnern ab, ein paar Gewohnheiten in Frage zu stellen, und zerlegt die häufig allzu automatisierten Choreografien, zu denen Techniken nach Tausenden von Ausführungen werden können. Wenngleich solche Choreografien eine gewisse Genugtuung bringen können, weil sie so schön Eleganz simulieren, können sie die Aikidoerfahrung auch sterilisieren, da man um die Erfahrung dessen kommt, was man eigentlich wirklich alles könnte – wie bei einem Musiker, der nichts anderes als Tonleitern herauf und herunter spielte. Vielleicht sollte man sich also wirklich ab und zu an solchen unerwarteten Kombinationen und Umständen aussetzen, um statt der Choreografien das tiefe, spontane, intuitive Aikido aus sich heraus zu holen – Jazz statt Notenlehre.

Zanshin

DAS ZANSHIN

Pascal erinnerte mehrfach an die Bedeutung des Zanshin („gleichbleibender Geist“ / „ausgewogener Geist„…), eine Art mentaler und zugleich körperlicher Achtsamkeit. Eine Technik beginnt nicht mit dem Angriff, sondern sobald die Möglichkeit eines Angriffs besteht. Und sie endet nicht mit dem Abwurf, sondern das Zanshin bleibt weiter vorhanden, denn es könnte ja ein neuer Angriff kommen, oder zumindest haben wir auch nach dem Abwurf oder im Hebel die Verantwortung für das Wohlergehen des Uke. Die Zeit des Zanshin kapselt also die eigentlichen Bewegungen zeitlich ein, die aber nur einen Teil dieses Zustands der absichtslosen Aufmerksamkeit und Konzentration einnehmen.

DAS AIKIDO – EINE EINZIGARTIGE KUNST

FallDas Aikido ist eine einzigartige Kunst, sagt Pascal, weil keine andere menschliche Tätigkeit eine solch allumfassende Vielfalt an Bewegungen und Muskeln einsetzt. Sogar die anderen Kampfkünste, und sonstige Tätigkeiten ohnehin, tendieren eher zu gewissen Spezialisierungen in den Bewegungen und den angesprochenen Muskeln.

Tatsächlich dürften sich alle Aikidoka ja auch an die ersten Trainingsstunden überhaupt, oder zumindest nach einer längeren Pause erinnern: Der Muskelkater scheint da überall im Körper zu sitzen (und ist nicht einmal unbedingt unangenehm).

MuschelnDas Aikido von Pascal dreht sich häufiger um ein paar universelle Grundformen, wie etwa die Spirale und die Welle. Dazu passt, dass das Shomen mit ein paar Meeresschnecken dekoriert war, deren beschädigtes, schneckenförmiges Gehäuse den Blick in ihr Inneres zuließ, wo weitere Spiralen die interne Struktur und Stabilität herstellten. So können diese organischen Formen betrachtet werden, die von der Natur nach dem famosen Goldenen Schnitt so entwickelt wurden, dass sie den Druckwellen und Raubtieren des Ozeans widerstehen können.

Dieses Prinzip ineinander drehender Spiralen fand sich dann in Techniken auf einen Ushiro-Angriff wieder. Der Uke greift etwa nach der vorderen Hand oder einer Schulter des Nage, um dann hinter dessen Rücken zu kommen und dort die andere Hand oder Schulter zu greifen. Der Nage geht die Drehung in die gleiche Richtung mit und verzögert damit das zweite Greifen. Doch sobald der Uke mit beiden Händen zugepackt hat, dreht sich der Nage auf einmal in die entgegen gesetzte Richtung, taucht unter den Armen des Uke hindurch, und übernimmt ihn beispielsweise in einem Ikkyo oder Nikkyo. Und so sind die ineinander drehenden Spiralen der Meeresschnecken auch in der Bewegung schön veranschaulicht.

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ARBEIT MIT WAFFEN

bokken02.jpgImmer ab 16 Uhr war die Arbeit mit den Waffen angesagt. Auch wenn am Anfang ein bisschen mit einem Tanto-Angriff trainiert wurde, ging es im Wesentlichen um das Bokken (Schwert). Der Jo wurde dieses Mal vernachlässigt.

Das Hauptthema mit dem Bokken war das Vier-Elemente-Schwert: Schwert des Wassers, der Luft, des Feuers und der Erde, vier Übungen, in der Regel jeweils zu zweit. Das Schwert des Wassers etwa war eine Abfolge fließender Bewegungen, beginnend mit einem kleinen Wirbel, um das angreifende Schwert beiseite zu schieben, insgesamt praktisch ohne Kontakt. Das Schwert des Feuers begann im Gegenteil mit einem lauten Schlag von Holz auf Holz, um einen imaginären Funken (das Feuer) zu zünden. Aber danach endete auch diese Sequenz mit immer langsameren und gedämpfteren Bewegungen.

Wo das Schwert der Luft eher… luftige Bewegungen bedeutete, begann das Schwert der Erde mit einem hypothetischen Überraschungsangriff, den der Nage zunächst von unten (vom Boden / von der Erde) abwehrte.

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Wie auf jedem Wochenlehrgang hatten die Teilnehmer auch diesmal wieder an einem Nachmittag frei, nämlich am Donnerstag. Das bedeutete eigentlich nur, dass das 16-Uhr-Training ausfiel. Nach dem Abendessen schlug Pascal aber einem ausgewählten Kreis an erfahrenen Trainern ein fortgeschrittenes Training vor. Inhaltlich handelte es sich um die 11 Iai-Formen, die schon vor vor langer Zeit von der ältesten noch bestehenden japanischen Schwertschule definiert worden waren, der Katori Shito Ryu, die über ein halbes Jahrtausend alt ist. Das sind kurze, sehr konzentrierte Formen, die in wenigen Minuten das Wesentliche des Iai abbilden, also dem Ziehen des Schwerts in Reaktion auf einen (imaginären) Angriff. Die ersten 6 Formen beginnen und Enden am Boden (auf den Knien bzw. im Sitzen), die 5 weiteren finden im Stehen statt.

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Der Anteil der Arbeit mit Waffen, insbesondere auch ohne Partner, war Gegenstand einiger interessanter Pausendiskussionen zwischen den Teilnehmern. Manche begrüßten sie vorbehaltlos als Hilfe, um auch außerhalb des Dojo und ohne Partner üben zu können. Bokken03Andere fühlten sich von dieser Arbeit weniger angesprochen, da sie viel mit dem inneren Empfinden und nicht so viel mit Aikidotechnik zu tun hat. Pascal selbst ist ein Fan der Arbeit mit Waffen, da sie insbesondere ermöglicht, die eigenen Aikidofähigkeiten allerorts und ohne Partner, also außerhalb des Dojo, zu entwickeln. Für ihn entwickelt sie etwa die Präzision, die Atemarbeit (Kokyu-Prinzip), und die Haltung. Denn die Waffe liefert ein Empfinden, das dank der Gesetze der Trägheit und der Schwerkraft sehr verlässlich ist, eine Art freundlicher Wechselwirkung mit dem Gesetzen der Physik, die Tag und Nacht zu jeder Stunde verfügbar sind.

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Die Arbeit mit dem Iai„, sagt Pascal, „das sind 2% Übungen im Dojo und 98% zuhause.“ Später, nach dem Training, fügte er hinzu: „Diese Arbeit ist meditativ, aber zugleich wird auch Ki extrahiert, und zwar nicht wild und ungeordnet, sondern exakt beherrscht. Aber dennoch auch explosiv. Es ist Feuer!

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DIE ZIELE DES LEHRGANGS

Über verschiedenen Momente verteilt erwähnte Pascal die Ziele, die er sich zu diesem Wochenlehrgang mitgenommen hatte.

  1. Von Gewohnheiten lösen – etwa durch ungewohnte Formen, sowohl durch neue Kombinationen als durch die Arbeit mit verschiedenen Evolutionszuständen der Bewegungen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
  2. Eine Vertiefung aufbauen – indem dieser einwöchige Rückzug fernab vom Alltagsleben Zeit für die Entwicklung des Bewusstseins für die Einheit von Körper, Geist und seele lässt, oder einfacher : für die Entwicklung der eigenen Fortschritte und Fähigkeiten.
  3. Sich wohl fühlen – durch respektvolles und schmerzfreies Üben einerseits (Pascal: „Im Aikido darf es keinen Schmerz geben„), und andererseits durch eine individuell angepasste Dosierung des körperlichen Einsatzes. Zwar mag die Länge von einer ganzen Woche für einen Lehrgang zunächst etwas abschrecken. Allerdings war jeder Teilnehmer dazu eingeladen, auf sich selbst zu achten, sich nicht zu überfordern, und gern auch mal eine Einheit auszusitzen, wenn die Form nachließ. Bei der Rückkehr aus einer solchen Pause wurde man nie schräg angeschaut, sondern im Gegenteil nach dem Wohlbefinden gefragt. Vor allem waren der Aufbau und der Rhythmus des Lehrgangs so aufgebaut, dass man vertiefend arbeiten konnte, ohne sich zu überfordern. Pascal selbst war (wie immer) mit ein paar allgemeinen Leitideen über die Themen gekommen, die er zu entwickeln beabsichtigte, passte dann aber die tagtäglichen Details des Übens und der behandelten Techniken an die Fähigkeiten und Fitness der Teilnehmer an.
  4. Sich mit der Essenz und der Quintessenz des Aikido verbinden. Denn Pascal sagt: „Die Essenz des Aikido besteht darin, den inneren Gegner zu überwinden. Die Quintessenz besteht darin, den inneren Meister zu finden.“
  5. Gemütlichkeit und Freundschaft: Vier Stunden Training pro Tag, das lässt noch viel Zeit dafür, miteinander ein paar angenehme Stunden zu verbringen, sei es bei den Mahlzeiten oder beispielsweise bei Spaziergängen durch das grüne Umland.

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LETZTER LEHRGANGSTAG

Der letzte vollständige Lehrgangstag war der Freitag. Am Samstag kamen wir nur morgens noch einmal für ein paar Auflockerungen und Dehnungen zusammen. Das Mittagstraining vom Samstag hatte Pascal uns erlassen, da viele noch einen langen Reiseweg durch die Hitzewelle vor sich hatten.

Halle02Für den Autor dieser Zeilen war der Freitag ein faszinierendes Erlebnis, da die Techniken wie von selbst zu fließen schienen. Es öffnete sich ein Fenster zu diesem besonderen Gefühl, nicht mehr selbst Aikido zu üben, sondern dass das Aikido sich durch einen hindurch ausdrückte. Den Gesprächen mit einem Teil der anderen Teilnehmer nach zu urteilen waren dort ähnliche Erlebnisse zu erkennen. Es war, als hätten die Dauer, die Regelmäßigkeit und die Vielfalt des Übens während des Lehrgangs Türen geöffnet und Kanten geschliffen, sodass der Fluss Aikido sich freier ergießen und leichter fließen konnte.

Unsere Lüneburger Freunde hatten beschlossen, schon Freitag Nachmittag abzureisen. Frank kündigte uns aber vorher an, dass das Leistungszentrum bereits wieder für die letzte Juliwoche 2019 angemietet war, um den Lehrgang auch ein zehntes Mal abzuhalten.

Lune

MarsEtLuneHISTORISCHES ENDE! INTERPLANETARER AUSGANG!

Der letzte Abend wurde von einem historischen Ereignis begrüßt. Die Terrasse, der Mittelpunkt unserer abendlichen entspannten Momente, war nämlich direkt auf die längste vollständige Mondfinsternis des 21. Jahrhunderts gerichtet, kurz darauf gefolgt von einem spektakulären Marsaufgang. Vielleicht schaute Mars als Namensgeber der „martialischen“ Künste nach, was wir da unten so machten. Kurzum: Unser letzter gemeinsamer Abend stand unter dem Zeichen einer seltenen Quasi-Anordnung mehrerer Planeten mit der Sonne und war von der Farbe Rot geprägt: Blutmond, der rote Mars, und dazu Rotwein aus dem französischen Süden.

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EINE ART FAZIT

Was dem Autor in Erinnerung bleiben wird, das sind die gute Laune, die merklichen Fortschritte und Vertiefungen, die ungewohnten Kombinationen, das freundschaftliche Miteinander (mit dem Können deutscher Brauer und französischer Winzer als gutem Schmiermittel), die Mischung aus robusten Grundlagen einerseits, und andererseits Erkundungen experimentellerer Art. Immerhin ist ja auch das menschliche Leben von grundsätzlich experimenteller Natur. Und es gibt im Aikido von Pascal Olivier Aspekte, die dazu tendieren könnten, den Geschmack des einen oder anderen für unergründliche Mysterien und Pforten ins Unbekannte anzusprechen.

Text und Bilder: Alexander Hohmann, Freiburg im Breisgau, Kamai e.V.

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