DIE RESTAURIERUNG EINES JAPANISCHEN SCHWERTS (KATANA)

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BITTE BEACHTEN SIE: Dieser Artikel soll die Leser nicht dazu ermutigen, eine ergebnisoffene Instandsetzung eines antiken Katanas zu versuchen. Denn so etwas sollte von einem Spezialisten durchgeführt werden – wenn möglich in Japan. Was hier beschrieben wird, ist eine Restaurierung im Sinne der Aufbewahrung und Pflege, um die wesentliche Struktur des Schwerts zu schützen, ohne etwas darüber hinaus zu verändern. Solch Zubehör hingegen wie etwa die kleinen, provisorischen Metallteile, die Scheide oder der Griff, ist dazu berufen, ungefähr einmal alle hundert Jahre ausgetauscht zu werden. Daher ist es normal, dass alte oder antike Klingen auf modernen Fassungen stecken.

Satz des Tages:

„Es gibt nichts, das wir nicht selbst vollbringen können. Man muss suchen, und die Inspiration finden; dann mit Geduld und Methode voran gehen.“

Geschichte einer Begegnung

Es begann mit dem Besuch einer „Börse für alte Waffen“ in einem Dorf im unmittelbaren Umland des Pariser Flughafens von Roissy. Zwar boten fast alle Stände ausschließlich Schusswaffen an (Peng! Peng!), aber man musste die Augen offen halten, denn wo „alte Waffen“ drauf steht, dort findet man immer ein paar Schwerter oder Messer aus Japan. Die befinden sich in ganz unterschiedlichen Erhaltungszuständen, von perfekt bis weitgehend zerfallen. Die Preise sind auch entsprechend, aber in jedem Fall deutlich günstiger, als bei den meisten Antiquaren.

Unwissen: unser bester Verbündeter

Diesmal hatte ich den Waffenmarkt gerade erst betreten, war nur einmal nach rechts abgebogen, und schon am zweiten Stand, just vor dem Getränkeausschank, lag er da: Ein Katana, so schrecklich heruntergekommen, dass er seine Verzweiflung zu schreien schien, unschön auf einem Tischprovisorium ausgelegt. Der Griff ragte auch noch über den Tischrand hinaus, sodass er ständig drohte, von einem Passanten versehentlich mitgerissen und herunter geworfen zu werden. Er wurde also nicht nur seit mehreren Jahrhunderten schlecht behandelt, sondern war auch noch sehr lieblos ausgelegt.

Ist das Auge ein bisschen geübt, täuscht es sich nicht: Die deutliche Krümmung der Klinge, die extrem heruntergekommene Scheide, dunkelbraun und an vielen Stellen brüchig, die Tsuba (Handschutz), ermüdet und mit dem Dreck der Jahrhunderte verschmiert – und was sollte man erst über die Klinge sagen!!! Sie war gelb, so wie es eben bei einem Ko-To (einem antiken Schwert) ist, wenn es nie abgewischt, geölt, geputzt wurde, und wenn die Klinge nie mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung frönen konnte, nämlich die Luft in Scheiben zu schneiden.

Der Kauf fand dann aber erst ein paar Wochen später statt. Denn später am selben Tag, nach langem Zögern und trotz der großen Versuchung, entstand der Entschluss, „vernünftig“ zu bleiben und eine Sammlung nicht zu vergrößern, die zwar sehr bescheiden ist, aber groß genug, damit deren Bestandteile auch heute schon nicht alle regelmäßig genutzt werden können.

Zum Kauf kam es dann also doch noch – nach wochenlangem Abwägen. Ein Kontakt mit dem Rathaus führte zum Veranstalter der Waffenbörse, der an den Leiter des örtlichen Schützenvereins verwies, der wiederum den Inhaber des Stands identifizieren konnte, welcher aber in der Normandie lebt und seine Auslagen wieder dorthin mitgenommen hatte… Die Transaktion fand dennoch statt, und zwar über einen seiner in Paris lebenden Freunde, auf einer Autobahnraststätte, als wären wir zwei Dealer: Der eine öffnet den Kofferraum eines alten Mercedes und legt den schmalen Inhalt ins daneben geparkte Auto, woraufhin der andere die Knete in gebrauchten Scheinen herüber wachsen ließ. Immerhin fiel der Preis für diesen in einem schwarzen Vinylfutteral liegenden Schatz recht erschwinglich aus. Wir wünschten einander viel Glück und gingen auseinander.

Das Unwissen über Schwerter führt dazu, dass man grundsätzlich mit einer von zwei Situationen konfrontiert ist: Das Schwert wird entweder deutlich über- oder unterbewertet. Die Überbewertung ist der unschöne Regelfall: Man gaukelt Ihnen vor, dass es ein wertvolles Schwert sei, obwohl das Objekt eigentlich uninteressant ist, weil es entweder gar nicht antik ist, oder weil die Gewichtsverteilung es für die Kampfkünste ungeeignet macht. Das trifft ganz besonderes für die Paradeschwerter aus dem 19. Jahrhundert zu. Die können zwar für das Auge alle Eigenschaften eines antiken Schwerts haben, aber die Ernüchterung kommt, sobald man es in der Hand hält: Die Austarierung ist dürftig, das Gewicht ist ungünstig verteilt, man bekommt kein Gefühl für die Klingenspitze, die auch meistens nach vorne kippen will, sobald man eine Kendo-Wehrhaltung einnimmt, mit beiden Händen vor dem Zentrum, aufrechtem Körper, dabei die hintere (linke) Ferse einen Zentimeter vom Boden abgehoben um die Postur des Zentrums noch mehr zu betonen.

In diesem Fall aber war die Ignoranz eine traumhafte Verbündete, zumal der Verkäufer beziehungsweise sein Freund sich selbst für Kenner hielten. Man muss die Unwissenden reden lassen und es wie im Aikido machen: die rohe Kraft vorbei rauschen und sich selbst behindern lassen, um anschließend das einzusammeln, das einzusammeln sich lohnt. Nicht widersprechen, auch nicht das eigene Wissen durchscheinen lassen, und stattdessen wortlos den Zustand des Gegenstands und den geforderten Preis prüfen. Nicht zu viel Zeit verstreichen lassen, den Gegenstand nicht herunter reden und erst recht nicht im Sinne des Verkäufers aufwerten, sondern einfach reden lassen. Die Transaktion abschließen, und dann schnell Reißaus nehmen, am besten noch im Zickzack durch die Menge verschwinden, damit der Verkäufer einen nicht mehr findet, sollte er es sich auf einmal doch noch anders überlegen! Man weiß ja nie.

Ein historischer Schatz

Dieses Schwert, liebe Budoka-Freunde, ist eine Perle, und seine Geschichte leicht zurück zu verfolgen: Seine Form, Schneide, Krümmung, Länge, die gelbliche Färbung der Klinge – alles führt zum Schluss, dass es aus einer von zwei Zwillings-Äras stammt: Muromachi oder Kamakura, also vom Anfang des 14. Jahrhunderts.

Während bei uns [in Frankreich] noch König Philippe der Vierte, genannt der Schöne [„Philippe le Bel“], die Bankleute enteignete und die Festnahme der Tempelritter sowie die Verurteilung ihres Anführers organisierte, und nebenbei auch bei der Entführung des Papstes und dessen Überführung nach Avignon seine Finger im Spiel hatte, spielte sich weit, sehr weit davon etwas anderes ab, in einem Land, so weit entfernt, dass damals hierzulande niemand eine Reise dorthin erwägte. Allenfalls hatte man einmal den Namen gehört. Ein Meisterschmied, unbekannt und so diskret, dass er sein Werk nicht signierte, bildete aus seinem Genie und seinem technischen Können heraus eine wunderschöne Klinge, die dann einen Weg durch die Jahrhunderte antrat, den nur sie allein kennt und der sie dann im Winter 2018 zu dieser Altwaffenbörse führte. Der Rest wird in Fotos erzählt (siehe Abbildungen oben).

Der ursprüngliche Zustand des Schwerts

Der Griff war fast völlig abgetrennt, zudem fehlte der „Kashira“ („Kopf“), den es galt, zu suchen und, besser noch, zu finden. Durch einen glücklichen „Zufall“ wurde für die Klingenzwinge ein Ersatzteil gefunden, dessen Design dem Rest des Schwerts entsprach (das „Fuchi“ oder metallische Oval, das den Griff mit der Tsuba verbindet: üblicherweise tragen beide Teile aufeinander abgestimmte grafische Motive). Es war dann auch noch von genau der richtigen Größe, was wirklich überraschend war, da es meistens Unterschiede im Millimeterbereich gibt, die die Verbindung beider Teile miteinander vereiteln! Die Vorsehung war also auf unserer Seite.

Die Scheide war an beiden Außenkanten gespalten, sodass man die darin steckende, leicht glitzernde Klinge fast auf der gesamten Länge durchsehen konnte, wie ein Tier, dass sich im Gebüsch versteckt, aus Angst, gefangen und misshandelt zu werden. Als einzige Lösung blieb nur noch etwas, das man andernfalls unbedingt vermeiden muss: Das Auseinanderspalten beider Scheidenhälften. Das erlaubt auch eine Prüfung des Innenlebens. (Das innere Holzfutter erwies sich als gesund, ohne jede Spur von Fäulnis oder Feuchtigkeit. Andernfalls wäre uns nur die Beauftragung einer neuen Scheide ein einzelner Maßfertigung geblieben, und die gibt es nur in Japan.) Außerdem konnte das Relief wieder vertieft, poliert und mit Paraffinöl getränkt werden, damit die Klinge wieder geschmeidig gleiten konnte. Zuvor hatte sie beim Herausziehen immer ein Schleifgeräusch verursacht. Anschließend ließ sich die Scheide mit einem modernen Sekundenkleber wieder zusammen fügen, ohne Holzpaste zu benötigen. Nun fährt die Klinge wieder heraus, wie sie es am ersten Tag tat.

Die kleine Holzöse, durch die das Trageband geht (und die sich „Kuri-gata“ oder „Form einer Marone“ nennt), war abgebrochen (wie auf dem ersten Foto ersichtlich). Es musste also eine neue hergestellt werden. Sie entstand aus dem Holz des japanischen Kirschbaums in unserem Garten, um im Geist der Herkunft des Katana zu bleiben… Ausschneiden des Teils, Bemalen mit Chinatusche, dann zum Glänzen Bringen; Verstärkung mit einer Schicht extrastarken Klebstoffs, Fixierung in der ursprünglich vorgesehenen Kerbe mit einem Schraubstock, darüber eine Lackschicht.

RestaurationSabre

Klinge: Die Seele

[Im französischen: „lame“ = „Klinge“, „l’âme“ = „die Seele] Die Klinge ist die Seele des Schwerts, und man sollte sich nie, niemals mit ihr amüsieren.

Ebensowenig sollte man jemals versuchen, sie zu schärfen. Solch eine Arbeit muss durch einen Fachmann erfolgen, am besten in Japan – wobei man mittlerweile auch in Europa Schmiede findet, die sich in Japan ausbilden ließen und eine bemerkenswerte Arbeit ganz im Respekt der Tradition verrichten.

Aber die Bearbeitung der Klinge darf nicht den kleinsten falschen Handgriff beinhalten, da sie sonst unwiederbringlichen Schaden nehmen kann: Deswegen beschränkte sich die Arbeit in diesem Fall auf eine Wiederbelebung der Klinge, indem zunächst die Schmutzschicht von ihrer Oberfläche entfernt wurde – sie hatte immerhin den Nutzen gehabt, die Struktur bzw. die Seele der Klinge nicht zu verändern. Mit dieser Arbeit musste rechtzeitig aufgehört werden, bevor das Metall selbst angegriffen worden wäre, was nie passieren darf.

Zunächst wurde die Klinge mit einem Baumwolllappen gerieben, um die Arbeit zu beginnen oder sie „anzukündigen“. Im nächsten Schritt nahm das feinkörnigste auffindbare Schmirgelpapier schwarzen Staub auf: den Schmutz der Jahrhunderte.

Es war ein Zufall des Kalenders, aber stellen Sie sich vor, dass diese Arbeit, nach Sonnenuntergang begonnen, unter einem prallen Vollmond endete: Nach dem aktiven Abschmirgeln wurde die Klinge in eine glitzernde Regenwassertonne im Garten getaucht.

Beim Herausholen verbreitete sich ein Geruch wie von brennendem Horn – so als wären die „Geister“, die in dieser verwahrlosten Klinge gehaust und geschlafen hatten, aus ihr verjagt worden.

Danach konnte die letzte Politur stattfinden, wofür die feinste erhältliche Stahlwolle Einsatz fand (eine freundliche Leihgabe von Meister Grégoire ENGRAND, bester Chocolatier unserer Zeit, der damit sein wertvollstes Kochgeschirr poliert, das eine ähnlich sorgfältige Pflege verlangt, wie unsere antike Klinge). Diese letzte Politur erfolgte mit großer Vorsicht, über mehrere Tage verteilt, und in den Pausen wurde die Klinge offen liegen gelassen, damit sie soz. atmen konnte und um zu signalisieren, dass der Prozess noch nicht beendet war.

Alle anderen Metallteile nebst der Klinge wurden mit der Metallbürste gereinigt, die ihnen schnell wieder ihren Glanz gab – die Tsuba, von den Jahrhunderten geschwärzt, bekam wieder ihren silbrigen Ursprungston; dadurch erschienen sogar eingravierte Zeichen, die Signatur eines großen Graveurs, der Tsubas herstellte.

Der nachfolgende Schritt bestand aus einer herkömmlichen Reinigung: ein sehr sanftes Papiertaschentuch wurde in ein hausgemachtes Öl getunkt: In Paraffinöl aus der Apotheke hatte ein Teebeutel mit Gewürznelken getränkt, die zuvor leicht zerdrückt worden waren, um ihre Essenz zu extrahieren. Mit solch einem angereicherten Öl nährt man die Klingen. In der letzten Zeit hat man, vielleicht aus Sparsamkeit, aufgehört, dem handelsüblichen Schwertöl Gewürznelken beizugeben (und das sogar in Japan). Das macht es geruchlos, entzieht aber auch einen Teil des „Traums“. In der Tradition muss eine Klinge einen leichten Nelkengeruch abgeben. Man kann das gleiche Öl übrigens zum Ölen aller Metallgegenstände nutzen, insbesondere sehr alte: Sie werden danach großzügig glänzen.

Den Griff wickeln

Aber die Restaurierung war nicht beendet. Es blieb sogar die größte technische Schwierigkeit offen: das Flechten der Griffwicklung. Auf den Bildern sieht man: Was vom Original noch vorhanden war, war nicht mehr brauchbar, zumal die Überbleibsel bei der kleinsten Berührung zerfielen. Das ursprüngliche Vorhaben, die noch vorhandenen Teile wiederzuverwenden und die Lücken mit Ersatz zu füllen, musste aus diesen Gründen verworfen werden. Die Griffwicklung musste also komplett neu hergestellt werden.

Der schwierigste Teil besteht darin, ein verstärktes Stoffband zu finden, das man für den Griff benutzen kann. Ist es zu dick, kann man den Stoff nicht gut wickeln. Ist es zu dünn, könnte es unter Spannung reißen – denn der Riemen muss ständig unter Spannung gewickelt werden, damit die Wicklung nicht lose wird. Nach Wochen des Umherlaufens von Händler zu Händler, mit einem Rest des Originalstoffs als Vergleich in der Brieftasche, wurde ich schließlich bei einer Kurzwarenhändlerin auf dem Markt Saint-Pierre in Paris fündig: Ein brauner Stoff, etwas dünner als das Original und dennoch sehr widerstandsfähig, erwies sich als die beste Wahl. So etwas hat mit dem persönlichen Geschmack zu tun: Manche bevorzugen einen dicken Griff, der massiv in der Hand liegt. Andere mögen ihn sehr dünn, sodass man das Schwert sehr leicht in den Händen halten kann, die Finger gerade mal um das Schwert geschlossen, aber ohne zuzupacken; auf diese Weise kann man die Bewegungen durchführen, ohne die Muskeln anzuspannen, und solch gelöste Muskeln erlauben den flüssigen Bewegungsablauf, der uns im Aikido so wichtig ist.

Für die Griffwicklung gibt es verschiedene Vorgehensweisen, die von der Güte des verwendeten Stoffs abhängen (Breite, Dicke, Haltbarkeit). Da Japan ein sehr langgezogenes Land ist, in dem die Kommunikationswege früher deutlich weniger entwickelt waren, ist es logisch, dass an verschiedenen Orten unterschiedliche Wickelmethoden entstanden. So kann man eigentlich auch selbst etwas entwickeln, sofern es nicht völlig frei erfunden oder regelrechter Kitsch ist. Das Ergebnis sollte eher unspektakulär bleiben. Hier wurde auf eine Seite des Griffs ein kleines Stück Dekoration („Menuki“) eingefügt, und zwar so, dass das Umgreifen nicht gestört wird. (Achtung: Bei einer falschen Positionierung können sich solche Kleinteile hinderlich auswirken.)

Schließlich rundet das Trageband die Optik des Katana ab und „schenkt ihm Leben“, zumindest was das Aussehen betrifft: Eine schwarze Kordel mit eingeflochtenem echten Silberfaden, weich und fein, zwar feiner als die „offiziellen“ Kordeln, die damit aber auch den empfindlichen, antiken und untypischen Aspekt dieses Schwerts hervor hebt. Diese Kordel wurde in einem Kurzwarenladen hinter der Kirche Saint-Eustache in Paris erworben (wo Anna-Maria MOZART begraben ist, die Mutter des berühmten Komponisten, die 1778 während ihres Aufenthals in der französischen Hauptstadt verstarb).

* * * *

Und so konnte ein Schwert restauriert werden, ohne seine ursprüngliche Struktur – so zu sagen seine Seele – zu verändern. Das ist ein wesentlicher Punkt, denn man muss wissen, dass man ein Schwert nicht „besitzt“ (genauso wenig wie es für ein Schloss, ein Kunstwerk oder jedweden anderen Gegenstand der Fall ist, der mehrere Zeitalter durchleben wird): Man ist nur sein vorübergehender Halter, und damit beauftragt, dafür zu sorgen, dass das Objekt an die nachfolgende Generation, also an den nächsten Halter, weiter gegeben werden kann, und das in einem mindestens unveränderten, am besten sogar verbesserten Konservierungszustand, als der, in dem er in unsere eigenen Hände fand.

Wichtige Anmerkung:

Zu den Besonderheiten dieses wunderbaren Instruments gehört, dass seine kurze Klinge sich erstaunlicherweise länger anfühlt, als sie ist, und dass es so perfekt austariert ist, dass man sofort Lust bekommt, es (hoffentlich gleich korrekt) zu schwingen. Daher wurde eine Restaurierung gewählt, die ihm seinen ursprünglichen „Saft“ erhält und damit eine Art Wiedergeburt verleiht, die sich mit der regelmäßigen Handhabung sicher nur verstärken wird. Dieses Schwert wird künftig der regelmäßige Begleiter des Solo-Trainings sein und im Dojo während des Trainings das Shomen schmücken. Es wurde darauf verzichtet, daraus ein „neues“ Schwert zu machen. So wurde bewusst eine gewisse Patina und sogar ein leicht herunter gekommener Aspekt beibehalten. Und es wurden nur drei Lagen Lack auf die gesamte Scheide gestrichen, als sie fertig wiederhergestellt war. Die Metallteilchen wurden geölt, wie oben beschrieben, und werden es beim regelmäßigen Auseinandernehmen im Rahmen der Pflege erneut werden. Da das Schwert im täglichen Einsatz ist, sind solche Putzarbeiten sogar öfters eingeplant.

Der Kauf eines alten Katana ist ein logischer Bestandteil der Askese eines Budoka, welcher genauen Disziplin auch immer er sich zurechnet. Im Aikido, in unserem Aikido jedenfalls, gibt es immer wieder Gelegenheiten, mit dem Schwert zu üben, da dies entgegen einer mitunter vorhandenen Meinung für die Fortschritte des Aikidoka unerlässlich ist: Haltung, Stabilität, Beweglichkeit, Unverfrorenheit, aufrechte Ausrichtung, Genauigkeit der Bewegung, Schnelligkeit, Gleichzeitigkeit, Zanshin, all diese Punkte machen im Lauf der Jahre den Unterschied zwischen dem, der Techniken einfach nur mechanisch wiederholt, und dem Budoka, der sich Fragen über den Werdegang seines Könnens stellt.

Um Sie bei Ihrer Auswahl zu unterstützen, sollten Sie wissen, dass es sehr grob zwei große Richtungen gibt, die die Form, die Dimensionen und vor allem die Krümmung und die Austarierung der Klinge beeinflussen: Die Ko-To („antikes Schwert“), mit ihrer eher betonten Krümmung, deren Herstellung vor dem 17. Jahrhundert stattfand, und die Shin-To („neues Schwert“), deren Klinge nur einen Hauch von Krümmung hat und die meistens zwischen 1600 und 1750 geschmiedet wurden.

Fast alle modernen Schwerter und vor allem die Kopien aus Aluminium (ein Werkstoff, mit dem ein geeignetes Gleichgewicht der Klinge unmöglich ist, weil das Gewicht zu einheitlich über die gesamte Länge verteilt ist) sind Nachbildungen vom Typ „Shin-To“, also mit nur angedeuter Krümmung. Die Krümmung ist aber wichtig, und zwar sowohl in den alten Schulen, als in unsere Aikido-Übungen, und sei es nur für das Ziehen oder Zurückstecken des Schwerts. Und dabei reden wir noch nicht einmal von den zahlreichen Techniken, in denen die Krümmung implizit vorausgesetzt wird. Manche Empfindungen sind nur mit einem authentischen Schwert zu haben, denn hier spielen die Dichte des Metalls und die Klingenkrümmung ihre Rolle, aber auch die gefühlte Gefahr – all das fehlt beim Üben mit einer Aluminiumklinge.

Zusätzlich findet man auch Klingen, die von heute lebenden Handwerkern geschmiedet werden – meistens kommen sie aus China und tendieren zu etwas Überlänge. Mit ein bisschen Geduld lässt sich das aber beheben, denn es sind ja keine historischen Teile. Man kann sie auseinander nehmen und die Klinge unten verkürzen, und vielleicht auch gleich den Griff, der häufig über 30(!) cm lang ist ( zu vergleichen mit den alten Griffen, die im Schnitt nur 23 cm lang sind). So erhält man einen guten Kompromiss zwischen einem Alu-Schwert und einer alten Klinge.

Doch für Ihre ersten Schritte, und bevor Sie mit dem Ziehen und Zurückstecken des Schwerts bestens vertraut sind, empfiehlt es sich, ein günstiges Dekorationsschwert zu erwerben (kein Witz!). Wenn Sie dann die Bewegungen gut beherrschen, können Sie sich etwas Echteres zulegen.

Die Praxis des Schwerts

ist UN-VER-ZICHT-BAR.

Lassen Sie sich nicht von den Leuten Schuldgefühle einreden oder Ihre Übungen vergällen, die behaupten, das Schwert (und der Jo, ein mittellanger Stock) seien nutzlos. Damit wollen die häufig nur von ihren eigenen Mängeln ablenken und verschleiern, dass sie selbst damit nicht umgehen können, weil sie sich noch nicht weit genug ins weite Feld des Aikido vorgewagt haben.

Sollte sich ein angehender Pilot damit begnügen, das Flugzeug immer nur auf den Landepisten des Flugplatzes herum zu fahren und höchstens ab und zu mal ein paar Meter aufsteigen zu dürfen? An einer solchen Schule wird er sicher nicht lernen, sich über die Wolken zu erheben.

Sollte der Wanderer immer in einem Umkreis von 2 Kilometern um sein Haus bleiben, oder sollte er lieber den Kreis seiner Wanderungen immer mehr erweitern? Jedem seine Antwort.

Das Leben ist zu kurz, um immer gleich zu bleiben. Man sollte so vieles wie möglich erforschen, alle Erfahrungen selbst machen, und wie der der flügge gewordene Jungvogel in die Welt gehen und sich die eigenen Lehren holen, wie die wandernden Gesellen eine Vielzahl an Ländereien besuchen und sich jede zusätzliche Erfahrung per Stempelabdruck zertifizieren lassen, um sich dann mit all ihren handwerklichen Fähigkeiten und gewonnener geistiger Reife am Ort ihrer Wahl niederzulassen und dort ihre Kunst anzuwenden.

Das Aikido und ganz allgemein das Budo bestehen nicht aus der ewigen Wiederholung der gleichen Gesten. Dieser Aspekt ist nur der Anfang des Lernens. Man muss ihn recht bald überwinden und sich in unbekannte, manchmal sogar unbetretene Gefilde vorwagen. Dort findet man sicher manch unbekannte Pfad oder Lichtung oder Bach, die für unsere Askese überaus bereichernd sein werden, und damit auch indirekt für die Menschen, die man das Glück und das Privileg hat, als Schüler zu haben.

Einer der kommenden Artikel in diesem Weblog wird übrigens das Lehren des Aikido behandeln, denn damit sollte man recht früh anfangen.

Wenn das Üben mit Schwert und Stock also ein Pflichtbestandteil eines gesunden Aikidotrainings sein sollte, dann sollte es auch nicht die Oberhand gegenüber den Übungen mit leeren Händen nehmen, die natürlich etwa 80% der Gesamtzeit ausmachen sollten.

Allerdings sollte man auch vermeiden, immer und immer wieder die gleichen waffenlosen „Grund“-Techniken zu üben. Das ist irgendwann langweilig. Man versteift sich in eine Routine, ohne hoffen zu dürfen, jemals sein Sichtfeld zu erweitern, und erst recht nicht, eines Tages die Flügel weit ausbreiten und das weite Universum des Aikido entdecken zu können.

Natürlich haben manche ein Interesse daran, ihre Schüler unwissend zu halten, damit sie über sie herrschen können, indem sie ihnen immer das gleiche servieren. Seien wir uns bewusst, dass es auch mit den persönlichen Grenzen solcher Trainer zu tun hat.

Die Sammlerschwerter, die immer schon mehr Prestigezubehör als reine „Waffen“ waren, sollte man den Sammlern überlassen, die sie hoffentlich sorgfältigst zu pflegen wissen. Ein Aikidoka hingegen wird sich eher einem Schwert wie dem hier vorgestellten zuwenden. Eine prachtvoll geschuppte Scheide, eine Tsuba aus Edelmetall, eine goldgelbe Griffwicklung, die sich mit der Zeit abnutzen würde – all das macht eine Art Katana aus, die sich für ein tägliches Training natürlich nicht eignet. Solche Gegenstände haben eher ihren Platz im Museum oder bei großen Privatsammlern.

Was den Handelswert solcher Objekt betrifft, kann er nur subjektiv sein. Wenn man bedenkt, welch unterschiedliche Talente in die Herstellung eines antiken Schwerts eingeflossen sind, wie viele Stunden damit verbracht wurden, es zu erdenken, zu schmieden, zu polieren, ihm das maßgerechte Zubehör mitzugeben, all das durch unterschiedliche Spezialisten, dann wird offensichtlich, wie unmöglich es ist, den „Wert“ festzulegen.

Zusätzlich zur Arbeit des Schmieds findet man die kleinen Zubehörteile, deren Arbeit sogar unter Vergrößerungsoptiken, die es seinerzeit noch gar nicht gab, von außergewöhnlicher Detailschärfe erscheinen. Da gibt es den Hersteller der Holzgriffe, ggf. je nach verfügbaren Werkstoffen in Haifisch- oder Rochenhaut gehüllt, oder den Griffwickler, der ein Beruf für sich ist. Da ist der Hersteller der Scheiden, der einen Abdruck von der Klinge nimmt und die Scheide aus Magnolienholz schnitzt, der Länge nach halbiert, aushöhlt und wieder zusammensetzt. Er gibt sie dann an den Lackierer weiter, ebenfalls ein eigener Beruf. Der Tsuba-Hersteller wiederum hat entweder einen Auftrag für ein bestimmtes Motiv erhalten, oder er graviert etwas nach eigenem Geschmack ein, damit immer ein einzigartiges und vollkommenes Modell entsteht… Das sind eine Menge Leute, und wenn man sich nur das Hin und Her zwischen all diesen Handwerkern und Künstlern vorstellt, um ein gemeinsames Werk zu erschaffen, dann hat man den Beginn einer Vorstellung von der Arbeit und vor allem der Geduld, aber auch des Genies, die von all diesen weitgehend anonym gebliebenen Männern aufgebracht wurden.

Danach versteht man, dass es unmöglich ist, die Arbeitsstunden und damit den Wert zu beziffern.

Ein Schwert, das nicht so ganz perfekt ist, wird wahrscheinlich auch weniger an seiner Nutzung leiden: Daher sollte man die Suche eher nach einem solchen Gegenstand ausrichten. Das beschriebene Beispiel einer Waffenbörse, bei der wie durch ein Wunder genau der Gegenstand auftauchen könnte, der für Sie bestimmt ist, kann Ihnen vielleicht eine Inspiration sein.

Wie in allen Dingen kommt es auf das wachsame Auge an, denn das Leben bringt uns ständig in Situationen, an denen wir wachsen können, egal in welchem Bereich. Man darf nur nicht die „Straßenschilder“ übersehen, die unseren Weg säumen.

Viel Spaß beim Training!


Die französische Originalfassung dieses Artikels erschien am 10. Mai 2018.

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