ERSTER INTERNATIONALER LEHRGANG IN OZOIR (FRANKREICH) – BERICHT

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Foto: Grégoire Engrand. „Budo ist Kreis / Kreis ist Tanz / Budo ist Tanz / Tanz ist Kreis / Kreis ist Budo / Tanz ist Budo…“ (Japanisches Sprichwort zum Thema Budo) Den Begriff „Tanz“ muss man hier in seinem kosmischen Sinn verstehen: Tanz der Himmelskörper im Weltraum…

Am Abend des 23. Februar 2018 kam eine Gruppe von 26 begeisterten Aikidoka in Ozoir-la-Ferrière (im Pariser Umland) bis zum Sonntag 25. Februar zusammen. Das Ambiente war lernbegierig UND herzlich.

Aber bevor wir das alles erzählen, sei betont, dass das Leitmotiv und sogar der eigentliche Daseinsgrund für unsere Lehrgänge das Wohlwollen ist (franz. „bienveillance“).

Der Begriff ist vielleicht nicht so leicht zu übersetzen. (Wie würde man ihn auf japanisch ausdrücken? Gibt es ihn dort überhaupt? Das ist nicht einmal sicher…) Daher muss man die Wörter nicht nur ätymologisch erläutern, sondern auch und vor allem auf der Ebene der Idee, die sie in unserem Denken auslösen.

Wohlwollen: entgegenkommende, gutgesinnte, freundliche, hilfreiche Gesinnung gegenüber jemandem, Nachsicht.

Aber solche Definitionen machen uns nicht wirklich satt.

Wohlwollen. Wohl: Gegenteil von Übel. (…) Dem anderen Gutes wollen, sein Wohl wollen, so wie die Mutter ganz verzaubert auf das Kind in der Wiege blickt, wenn sie still und leise nachschaut, ob es gut schläft, friedlich atmet, die Decke richtig liegt, ob es dem Kind auch an nichts fehlt.

Das Wohlwollen ist durchaus das, was in den Betrachtungen von Meister UESHIBA „Liebe“ heißt – ein Wort, das wir einsetzen, weil ein besseres fehlt. Es ist nicht die Kinderliebe, und auch nicht die Art Liebe wie zwischen zwei Verlobten, sondern ein schwer zu beschreibendes Gefühl, das den Partner in einen positiven Kreis einbezieht, nämlich den unserer Techniken. Denn für diese Techniken dürfen wir nie, niemals, wirklich niemals unserem Partner wehtun oder es auch nur versuchen, denn er ist dieses andere Ich, dank dessen Beitrags die Übung Form annehmen kann und unsere Fortschritte möglich werden. (…)

Das war auch diesmal wieder der Sockel, auf dem wir unseren Lehrgang aufbauten.

Dieser Lehrgang war eine große Premiere!

Wir empfingen eine Delegation von knapp zehn Aikidoka aus Deutschland sowie Besucher aus anderen Vereinen, insbesondere Vincent BRAJDIC (Trainer für Aiki-Jutsu und Katori Shinto Ryu) und Philippe BRAJDIC (Trainer für den Aikidostil Simikiri). Letzterer brachte mehrere seiner Schüler mit.

Nichts wäre aber ohne die Hartnäckigkeit von drei Personen möglich gewesen, die für diesen Lehrgang hochmotiviert waren und denen wir nicht nur die Organisation, sondern auch den Erfolg verdanken.

Zunächst Meister Grégoire ENGRAND, der beste Chocolatier Frankreichs (und ich wähle als unbegrenzter Schokoladenliebhaber meine Worte mit Sorgfalt) und zudem ein begeisterter Aikidoka, hier am späten Abend des 23. Februars 2018 während einer Vorführung zum Thema Schokoladenherstellung zu sehen.

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Eine große Überraschung:

Meister Grégoire überraschte uns mit einem nächtlichen Empfang aus Meisterhand in seinem Laden in La Houssaye-en-Brief, „La Ferme au Chocolat“ genannt. In diesem alten Gemäuer entstand vor anderthalb Jahrzehnten seine Herstellungswerkstatt unter seiner eigenen Marke „La Ferme au Chocolat„. Vielleicht sollten wir hinzufügen, dass seine Erzeugnisse auf der ganzen Welt geschätzt sind und er viele Aufträge ablehnen muss. Sie würden ihm zwar Ruhm und Vermögen einbringen. Aber er müsste dafür anfangen, Kompromisse bei der Qualität einzugehen, und das wird er nicht. Alle, die ihn kennen, kennen auch genau diese Einstellung bei ihm. Seine Produkte kann man in zwei der größten Pariser Delikatessenläden kaufen, die für ihre unnachgiebigen Qualitätsanforderungen bekannt sind. Wir werden aber in diesem Blog keine Werbung für sie machen, es sei denn, sie wären einverstanden, uns einen schlüsselfertigen Dojo zu finanzieren – dann könnten wir uns zu ein bisschen Werbung durchringen.

All das gab es freiwillig und kostenfrei. Hätten wir eine Catering-Firma beauftragt, hätten wir sicher mindestens 2500 Euro gezahlt und hätten höchstens eine annähernde Qualität bekommen. Entschuldigen Sie bitte, dass wir Geldbeträge nennen – das ist für uns ungewöhnlich, da das Aikido, zumindest unser Aikido, keine Quelle der persönlichen finanziellen Bereicherung ist. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich zu anderen, lukrativeren Wegen ist es vielmehr eine nie versiegende Quelle an Ausgaben, Verlusten und investierter Zeit und Energie, und die Entscheidung für diesen Weg verursacht auch Abstriche auf der persönlichen, der finanziellen, der privaten und der familiären Ebene. Ein Einkommen gibt es aber dennoch, nämlich in Form des Glücks, das man in diesen Momenten empfindet, die die Seele bereichern, und das muss man als viel wichtiger betrachten, als mehr Nullen auf dem Bankkonto, das man (soviel wir wissen) ohnehin nicht von dieser in die andere Welt mitnehmen kann.

An diesem Abend nach dem ersten Lehrgangstermin gab es Köstlichkeiten, die die einfache Kunst des Desserts weit überstiegen: Tages-Pâtisseries nach Geheimrezept, regionale Biere, Rotwein aus Cheverny, Wurtswaren für die, die das mögen, nachgereifte Käsesorten, darunter als Besonderheit ein „Rad von Brie“ (also ein kompletter Laib Brie-Käse, drei Wochen zuvor gekauft, im Keller nachgereift, wobei die Reifezeit so berechnet war, dass sie genau an jenem 23. Februar ihren Höhepunkt erreichen würde! All dieses Know-How von Meister Grégoire!), Brot vom besten Bäcker aus Paris, das er extra morgens um 5 Uhr gekauft hatte, damit es tagesfrisch war. Und nicht zu vergessen: Der Empfang, den uns sein Personal machte, nämlich die überaus engagierten Borhane und Yoann (Letzterer ist 1. Dan im Aikdo, allerdings in einer anderen Stilrichtung), und die sehr bemüht waren, dass alles stimmte. Doch nicht nur das! Darüber hinaus hat er auch die Mittagessen vom Samstag und Sonntag mit wunderbaren „Resten“ ergänzt, die uns allen in Erinnerung bleiben. („Das Glück steckt in den Resten“, sagt ein japanisches Sprichwort.) Wagen wir einfach mal ein Statement: Noch nie habe ich etwas so Gutes wie seine Schokoladentörtchen, seine Schoko-Fondants oder seine Törtchen mit roten Früchten gegessen, alles so exquisit, dass es aus einem Märchen zu kommen schien. Und das ist kein bisschen übertrieben.

Dazu gab es ein Landhaus-Ambiente in diesem Haus, das frisch für den Empfang der Lehrgangsteilnehmer renoviert worden war(!), mit Freudenfeuer im monumentalen Kamin, Kerzenleuchtern auf weiß gedeckten Tischen, sogar die Deckenbalken waren frisch geschliffen und weiß gemalt worden.

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Foto: Sabine TROEGER.

Die Geste dieses jungen Mannes, der einem Botticelli-Gemälde entsprungen zu sein scheint, fasst zusammen, was die Teilnehmer an jenem Abend in der Ferme au Chocolat zwischen 21 Uhr und halb zwei Uhr nachts empfunden haben dürften…

Aber belassen wir es hierbei mit der Beschreibung. Dabei sein ist nun einmal alles. Wer nicht dabei war, ist selbst schuld.

Wie es weiter ging

Nichts wäre möglich gewesen, gäbe es nicht Madame Anne-Claire DARRÉs Kunst, Gäste zu empfangen, die bei ihr ultimative Höhen erreicht. Sie ist eines unserer Mitglieder (ganz links auf dem Foto unten), und bekam Unterstützung von ihrem Mann Didier und ihrer (sehr hübschen) Tochter Noéline (die mit ihrem Freund Arnaud auch an den Festlichkeiten teilnahm und insbesondere die Gäste effizient und aufmerksam bediente). Sie organisierten die überaus üppigen Mittagessen am Samstag und Sonntag, bei denen Essen, Wein und Freundschaft in Flüssen strömten. Das waren unvergessliche Momente, die einem unserer Besucher, den jungen Lukas aus München (für seine Aikidotalente bekannt) den Kommentar entlockten: „Da merkt man, dass man in Frankreich ist, und es ist einfach eine Freude.“

Das Abendprogramm am Samstag: Ein Abendessen in Paris. Und zwar in „L’Entracte„, in einem Gebäude im Haussmann’schen Stil (dem Grand Hôtel aus den 1880er Jahren), mit Ausblick vom 1. Obergeschoss auf die beleuchtete Fassade des Palais Garnier (Opernhaus), der bestimmt das schönste Monument der französischen Architektur darstellt und nicht nur Versailles in den Schatten stellt, von dem er mal inspiriert war, sondern auch den nur 300 Meter entfernten Platz Vendôme. Also auch am Samstag wieder Exklusives bis zuletzt! Man muss aber ehrlich sein und feststellen, dass diese Brasserie eine exklusive Lage hat, das Essen allerdings von der Qualität her nicht an das heran ragte, was Grégoire und Anne-Claire uns verabreichten.

Die Grundidee für die Organisation des Lehrgangs entstand im Kopf von Thierry LANDAIS, der auch Mitglied und sogar stellvertretender Vorsitzender in unserem Verein ist (auf dem Foto unten sieht man ihn neben Anne-Claire). Sie entstand, als er letztes Jahr mit uns auf der Rückfahrt vom Lehrgang auf dem Herzogenhorn im Schwarzwald war. Der dortige Lehrgang war für ihn nämlich eine echte Entdeckung gewesen, vielleicht sogar eine Offenbarung (das famose Satori aus dem Budo und dem Zen), was es auch für Meister Grégoire gewesen war (der auch dabei gewesen war). Thierry wollte unbedingt ein Mini-„H’Horn“ bei uns ausrichten, mindestens drei Tage lang.

Thierry erwies sich als so hartnäckig, wie man es sein sollte, und machte alle Hürden und Blockaden zu Kleinholz, um diesen Lehrgang ins Leben zu rufen. Als es am Sonntag Nachmittag vorbei war, lehnte er sich zurück, nicht ohne innere Zufriedenheit, um auf das Geleistete zurück zu blicken, so wie ein erschöpfter Orchesterdirigent nach dem großen und erfolgreichen Konzert am Rande der Bühne auf einen Stuhl sinkt.

Wohlwollen, Wohlbefinden, Willkommen…

Ende gut, alles gut.

Und darüber hinaus, darüber hinaus, darüber hinaus… Der Lehrgangsleiter kann den oben genannten Organisatoren nur danken. Und die Schüler und Teilnehmer können, wenn sie es wollen, auf der französischen Website einen Kommentar zum technischen Hergang des Lehrgangs hinterlassen, der ohnehin unter dem Zeichen der Leidenschaft und des Elans stand. So wie alle unsere Lehrgänge das tun, immer mit unterschiedlichen Schwingungen, je nach dem Ort, ob Lüneburg, Berlin, Ozoir (wo die drei letzten Lehrgänge stattfanden) oder anderswo.

Darüber hinaus… Schauen Sie sich einfach die Gesichter unserer Teilnehmer an, auf diesem letzten Foto vom Lehrgang. Das Foto schoss Léo TESSONNEAU, Sohn eines unserer Mitglieder. Schauen Sie in jedes Gesicht, auf den jeweiligen Gesichtsausdruck – er spricht Bände.

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Danke an Léo TESSONNEAU (6 Jahre) für dieses Abschlussfoto!

Nächstes Treffen:

Herzogenhorn, vom 22. bis zum 28. Juli 2018, jeweils einschließlich.

Anmeldungen und Informationen bei Frau Sybille HAASE vom Seiryukan in Lüneburg.

Pascal OLIVIER.


Die französische Originalfassungs dieses Artikels erschien am 1. März 2018.

 

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