EINDRÜCKE VOM AIKIDO-LEHRGANG IN BERLIN MIT PASCAL OLIVIER, FEBRUAR 2018

(Dieser Lehrgangsbericht ist nicht von Pascal Olivier selbst, sondern von einem Teilnehmer, der auch dieses Blog ins Deutsche übersetzt. Alle Fotos von Alexander Hohmann und Grégoire Engrand.)

Stecken wir erst einmal den Rahmen ab, bevor die (natürlich völlig subjektive) Erzählung eines Teilnehmers beginnt. Hier also erst einmal die flachen Fakten: Vom 9. bis 11. Februar 2018 richtete Martin Bilan (4. Dan) im Rahmen der Abteilung Aikido des Berliner SSC Südwest 1947 e.V. einen Lehrgang aus, der auf den Matten von Pascal Olivier geleitet wurde. Dieser war extra aus Paris eingeflogen und brachte zwei weitere Mitglieder seines Vereins mit. So. Kamera ein. Action.

201802berlinfoto04.jpg

Veranstalter des Lehrgangs: Dr. Martin Bilan, 4. Dan (rechts)

ABLAUF DES LEHRGANGS

Die erste Trainingseinheit fand am Freitag um 18 Uhr in einer Sporthalle in Berlin-Steglitz im Südwesten Berlins statt (daher auch „SSC Südwest“). Das erste Aufwärmtraining war recht lang und dauerte etwa eine Dreiviertelstunde, denn wir hatten einiges vor. Danach kamen dann Übungen in einem deutlich beschleunigten Tempo.

Berlin1802xxBierpinsel

Der „Bierpinsel“ in Steglitz.

Ich muss gestehen, dass sich nach dieser ersten Einheit die Biomechanik für den Rest des Abends etwas beschwerte. Alltägliche Handlungen wie das Aufstehen von einem Stuhl waren nicht mehr ganz so selbstverständlich wie üblich. Es drängte sich die Frage auf, wie ich zwei weitere Tage lang durchhalten sollte. Doch es kam anders, als erwartet. Nach einer Nacht Schlaf hatte sich die Mechanik offensichtlich aufgelockert, und der zweite und dritte Lehrgangstag verliefen körperlich problemlos. Man erkennt an dieser Erfahrung den Sinn dessen, schon am Freitag und nicht erst am Samstag anzufangen: Man vermeidet dadurch einen Kaltstart in den Kern des Lehrgangs.

201802BerlinFoto03

Pascal und sein Dolmetscher während des Lehrgangs, Jakob.

Die zweite Trainingseinheit fand dann am Samstag von 15 bis 18 Uhr statt. Wir übten beispielsweise den Irimi Nage auf diverse Eingänge, jedoch befreit vom Aspekt der engen Kontrolle. Üblicherweise tendiert der Nage dazu, den Kopf des Uke an Hals oder Wange zu packen und ihn sich auf die eigene Brust zu drücken. An diesem Abend legten wir stattdessen einfach die Hand leicht in den Nacken des Uke, und zwar nicht mehr mit dem Gedanken der Kontrolle, sondern nur um die Bewegungsrichtung zu „bestätigen“.

201802berlinfoto22.jpg

Ganz allgemein lag ein Schwerpunkt auf der Weite und Ausdehnung der Bewegungen. Das ausgewiesene Ziel war, sich „aus der eigenen Rüstung zu befreien“, nämlich durch Formen, die mit den üblichen Angewohnheiten brechen sollten. Das Alltagsleben bringt uns unmerklich dazu, uns immer kleiner zu machen, um den Unwägbarkeiten des Lebens weniger Windfläche zu bieten. Das färbt auch auf die Aikidobewegungen ab, die zu schüchtern und nach unten gerichtet ausfallen und mitunter auch zu sehr auf die enge Kontrolle des Uke fixiert sind. Pascal hingegen ermunterte uns, das Weltall zu erobern: Wir sollten unseren Bewegungen eine raumgreifende Weite geben und den Uke am Ende nicht schräg nach unten schicken, sondern den weiten Horizont zum Ziel nehmen, als wollte man dem Universum eine Welle anvertrauen. Es sieht so aus, als müssten wir das Aikido nicht nur erlernen, sondern es auch befreien. Sich aus der eigenen Rüstung befreien.

Das Training brachte mir ein paar schöne Erfahrungen mit verschiedenen Partnern. Manche Bewegungen gelangen wunderbar rund und vertrauensvoll, ganz ausgedehnt und frei von Ecken und Kanten, da das durchschnittliche Niveau der Teilnehmer hoch war. Die Kombinationen aus Eingängen und Techniken waren ungewohnt und stehen sicher nicht im Standardkatalog, wenn es denn einen gibt. Es war vielmehr eine Arbeit an den Grundfesten, von kleineren Techniken bis hin zum Uchi Kaiten Nage, bei dem mein Partner des Moments und ich viel Spaß daran hatten, uns in Richtung Horizont zu entsenden, um dann gleich wieder anzugreifen, ein bisschen außer Puste aber mit einem Lächeln.

Die Besonderheit dieser Uchi Kaiten Nage bestand darin, dass das hintere Bein am Ende nicht wie üblich nach vorne kam, um den Uke durch einen Schritt nach vorne in seinem finalen Schwung zu begleiten. Stattdessen blieb der Fuß hinten und bildete den Bodenkontakt und Sockel für eine maximale Streckung. Das Hinterbein, der Rumpf und der Arm bildeten eine ausgestreckte Gerade schräg zum Himmel.

201802BerlinFoto05

Das Ungewöhnliche, die Abweichung vom Standard, die unbekannten oder seltenen Kombinationen sind eine Spezialität von Pascal Olivier. Sie sollen einerseits unsere einstudierten Angewohnheiten aus dem Takt und andererseits die universellen Grundprinzipien zum Vorschein bringen, erlauben sich dabei aber in den Details auch Freiheiten und Verspieltheiten.

Eine andere Spezialität von Pascal ist eine mehrdimensionale Herangehensweise an das Aikido. Er besitzt ein umfangreiches Wissen über die Wurzeln und Historie seiner Disziplin, verfügt aber auch über Intuitionen darüber, wie sie sich künftig weiter entwickeln könnte. Er kann dadurch verschiedene historische (und vielleicht zukünftige) Entwicklungsstufen einer selben Technik aufzeigen.

201802BerlinFoto07

Sonntag Vormittag sahen wir beispielsweise einen Kote Gaeshi aus weit zurück liegenden Zeiten, als es noch darum ging, einen Gegner außer Gefecht zu setzen. Wir gingen das alle mit Vorsicht an und es tat sich natürlich niemand weh. Aber an dieser engen und kurzen Ausführung der Technik, sehr nahe am Körper, der Arm des Uke direkt an der Hüfte des Nage klebend, konnte man erkennen, dass das Aikido aus Gewaltformen einer längst vergangenen Zeit entsprungen ist. Morihei Ueshiba befreite das Aikido Schicht um Schicht von diesen Gewaltabsichten, verschob das Ziel weg von Vernichtungsformen und hin zur Harmonie. Er verfolgte damit einen nie endenden Imperativ der Fortentwicklung und übertrug der Nachwelt den Auftrag, diesen grundsätzlich evolutionistischen Weg weiter zu verfolgen und zu erforschen.

Wenn es heute immer noch um Kampf geht, sagte Pascal Olivier, dann ist es nicht mehr der Kampf gegen einen äußeren Gegner, sondern der gegen sich selbst. Und diese Metapher beschreibt vor allem eine Selbstverbesserung.

Da ein Kampf zwischen zwei Parteien ja immer aus dem inneren Konflikt einer einzigen der beiden Parteien entspringt, ist es doch sinnvoller, diesen Konflikt an seiner Wurzel zu lösen, bevor er sich eine zweite Partei findet und auf diese projiziert.

201802BerlinFoto14In Wirklichkeit bestand Pascal sehr darauf, dass das Aikido keine Kampfkunst („art de combat“), sondern eigentlich eine Kunst des Krieges ist („art martial“). Der Begriff „martial“ im Französischen und Englischen verweist letztlich ätymologisch auf den römischen Kriegsgott Mars. Das startete interessante Diskussionen und verwirrte kurz Pascals jungen Berliner Dolmetscher (der übrigens einen sehr ordentlichen Job machte).

Immerhin: Da wo ein Kampf eine Handlung ist, die zwei Parteien miteinander in eine enge Wechselwirkung verschränkt, deren Ausgang Sieg oder Zerstörung ist, braucht man für die Kunst des Krieges keinen Krieg – stattdessen mobilisiert und schärft sie universelle Fähigkeiten, die auch unter ganz anderen Umständen sinnvollen Einsatz finden. Der Krieg ist eine von vielen Formen enger Zusammenarbeit – der einzelne Mensch überlebt nur, indem er sich bewusst macht, Bestandteil eines Kollektivs zu sein, in ein System komplexer Wechselwirkungen und unvorhersehbarer Einflüsse eingebunden zu sein, die aus allen Richtungen kommen und plötzliche Veränderungen bewirken können; es bedarf einer ständigen Aufmerksamkeit und einer Demut in Anbetracht der Wendungen, die hinter jeden neuen Minuten warten können und worauf nicht etwa der Egoismus eine Antwort ist, sondern die gegenseitige Unterstützung und die Zusammenarbeit es sind. All das sind Eigenschaften, die sich ebenso für eine resiliente und gesunde Gesellschaft einsetzen lassen – ob diese Gesellschaft aus Millionen Menschen besteht, oder nur aus zwei Liebenden. Hat man die Prinzipien des Budo also von jeglichem kriegerischen Zweck befreit, enthalten sie Übergänge zu einer durchaus friedlichen und gar wohlwollenden Anwendung. Dieses „Wohlwollen“ (franz. „bienveillance“) war ein häufig wiederholtes Leitwort des Lehrgangs – wie übrigens auch schon früherer Lehrgänge.

Was ebenfalls wohlwollend, aber nicht weniger präsent ist, ist Pascals Kompromisslosigkeit bezüglich der Grundprinzipien des Aikido, die er als unumstößlich bezeichnet. Jenseits dieses Sockels jedoch besteht viel Freiheit, auch in der Organisation des Lehrgangs. Pascal macht nämlich kein Hehl daraus, dass er einen Lehrgang nicht mit einem zuvor festgelegten Programm beschreitet, sondern den Inhalt im Gegenteil spontan entstehen lässt, insbesondere auch mit einem Blick darauf, wo die Teilnehmer stehen und was ihnen liegt. So entsteht eine bunte und immer kurzweilige Mischung, die sich aus seinem bereits erwähnten umfangreichen Wissensschatz nährt.

201802berlinfoto02-e1519239025749.jpg

ARBEIT MIT WAFFEN

Erst am Kontakt der Anderen werden wir unserer selbst bewusst. Aber dieser Andere, dieser Einfluss von außen, ist nicht unbedingt menschlich.

201802berlinfoto15.jpgEs kann auch eine Übungswaffe sein, die man in der Hand hält. Mittels der Waffe werden die physikalischen Gesetze zu diesem Anderen. Anders als mit einem menschlichen Partner kann man mit den physikalischen Gesetzen nicht verhandeln. Ihre Kompromisslosigkeit gleichen sie aber damit aus, dass sie gleichbleibend und damit vorhersehbar sind. Durch ihre Masse, ihr Trägheitsmoment und die deutliche Verlängerung unseres Arms und unserer Hand agiert die Waffe wie ein Vergrößerungsglas für unsere Präzisionsfehler, sodass wir ihrer besser bewusst werden. Wenn ein Jo oder ein Bokken erst einmal in eine falsche Richtung unterwegs ist, lässt er sich nicht einfach willfährig auf all unsere Mikrokorrekturen und Mikrobeschleunigungen ein, sondern entlädt erst einmal seinen bestehenden Schwung, an dem entlang er noch eine Weile weiter in die falsche Richtung läuft.

201802berlinfoto10.jpg

Denn seien wir ehrlich: Die gelegentliche Freude an der perfekten Bewegung sagt umgekehrt aus, dass die Bewegung all die anderen Male nicht perfekt ist. Also schummeln wir alle im Aikido und versuchen, die Spuren unserer kleinen Mogeleien durch Beschleunigungen oder Muskelkraft zu verwischen und ersetzen dadurch den Fluss durch Zwang. Die Uke danken es uns nicht immer.

Die Waffen – und durch sie die Gesetze der Physik – machen die Mogelei in flagranti sichtbar, bleiben dabei aber wertungsfrei. Zugleich erlaubt die Waffe auch Einzelübungen und ermöglicht, dass wir auf der Suche nach einem genaueren Start und einer cremigeren Rundung der Bewegung keinen Uke in Mitleidenschaft ziehen. Am zweiten und dritten Lehrgangstag fanden also auch diverse Einzel- und Partnerübungen mit den drei üblichen Übungswaffen statt.

201802BerlinFoto12

201802berlinfoto13-e1519240316698.jpg

201802BerlinFoto08

201802BerlinFoto06

DIE TEILNEHMER

Knapp 20 Teilnehmer kamen für diese drei Tage aus allen Ecken Deutschlands und auch aus Frankreich auf den Matten zusammen. Ich glaube, dass ein ganz wesentlicher Faktor für die Qualität dieses Lehrgangs vom sehr kooperativen Stil der Teilnehmer herrührte. Die Nage und Uke passten einander auch unter Berücksichtigung des Erfahrungsniveaus des Gegenübers feinfühlig und bereitwillig an.

201802berlinfoto11.jpgNiemand hielt sich für wichtiger als die anderen. Die Teilnehmer haben sich auch nicht allzu ernst genommen. Pascal Olivier achtet darauf und geht auch mit gutem Beispiel voran, ist sich auch für kein lästiges Mattenauf- und Abbauen zu schade und könnte außerhalb der Tatami von Dritten nicht von anderen Teilnehmern unterschieden werden. Es gab viel Entgegenkommen und Leutseligkeit im Raum, ohne die Versuchung, den Partner zu dominieren oder ihm einen Hebel hinein zu würgen um mal kurz zu zeigen, wo es lang geht.

201802berlinfoto09.jpg

Von dieser Leutseligkeit ist es ein kurzer Weg bis hin zu einer Verbundenheit, die sich dann auch in die gemeinsamen Mahlzeiten hinein verlängerte. Stehen vielleicht die Qualität der Aufmerksamkeit und die Geistesoffenheit in der Gruppe im umgekehrten Verhältnis zur Ego-Dichte, die auf den Matten vorherrscht und auch lastet? Gilt das vielleicht sogar für jede Gruppe?

201802BerlinFoto16

GESAMTEINDRUCK VOM LEHRGANG

Hier seien mal als Fazit ein paar allgemeine Überlegungen zum Lehrgang versucht – und zwar aus der Sicht eines Teilnehmers, der bis dahin nicht so häufig Lehrgänge besuchte und fast ausschließlich im Kokon seines Vereins in Freiburg im Breisgau trainierte.

201802berlinfoto20.jpg

1. Wenn man die Aikido-Grundsätze aus der Warte ungewöhnlicher oder seltener Varianten erlebt hat, vermittelt das ein besseres Verständnis der Grundlagen. Es ist ein bisschen, wie als würde man an einer Weinverkostung verschiedener Weine einer gleichen Rebsorte teilnehmen und dabei erkennen, was sie alle gemein haben – nämlich die tiefen und bleibenden Grundeigenschaften der Rebe hinter ihren diversen Ausdrucksformen.

2. Wenn man auf einmal unbekannten Partnern ausgesetzt ist, die ihre ganz eigenen Facetten mitbringen, merkt man deutlicher, wessen man fähig ist (oder auch nicht). Nur im Zusammenspiel mit anderen wird man seiner selbst bewusst. Mit wenig vertrauten Partnern entdeckt man manchmal bei sich Fähigkeiten, die mit den gewohnten Partner im Herkunftsverein nicht immer zum Ausdruck finden.

201802berlinfoto19.jpg

3. Wenn man sich ganz wertungsfrei verschiedenen und vielfältigen Einflüssen aussetzt, ist das auch eine Quelle nicht nur der Bereicherung, sondern auch der Orientierung. Denn diese Kunst kann sich in so viele verschiedene Spielarten deklinieren, die meiner bescheidenen Meinung nach alle ihre Legitimität haben, aber nicht gleichermaßen zu jedem von uns passen.

4. Diese Lehrgänge bilden auch einfach Gelegenheiten für menschliche Begegnungen, die durch das gemeinsame Üben vereinfacht werden. Denn mit dem Aikido bietet sich auch bei einem unbekannten Gegenüber das erste Gesprächsthema gleich von selbst an. Zudem scheint es mir, dass diese Kunst im Schnitt eher überlegte und reifere Menschen anzieht, die auch mehr in die Tiefe gehen. Jedenfalls hatte ich ein paar sehr angenehme Begegnungen und freue mich schon auf ein Wiedersehen.

5. Wenn man von einem Lehrgang in den eigenen Verein zurück kommt, bringt man auch etwas mit, das man dort gegebenenfalls teilen kann – wenn der Verein das annimmt. So wird man zum Bestandteil eines fruchtbaren Austauschs und trägt zu einem vielfältigen und sich weiter entwickelnden Aikido bei.

201802BerlinFoto17

201802BerlinFoto21

BERLIN

Hatte die Stadt, in der der Lehrgang stattfand, einen Einfluss auf die Motivation der Teilnehmer? Das ist möglich. Berlin ist ja eine permanente Baustelle, wo vieles ein bisschen provisorisch ist.

2015-08-26_18-51-28-berlin-siegessc3a4ule.jpg

Die Stadt ist noch selbst von ihrer neuen Macht und Attraktivität überrascht, aber auch immer noch reich an architektonischen Narben und sonstigen Selbstzweifeln. Sie ist also nicht so sehr vom Selbsterhalt besessen wie manch andere Stadt, die mit historischen Schönheiten voll steht, die man kostspielig unterhält, also mit all diesen Liegenschaften, bei denen manchmal unterschwellig die Zukunftszugewandheit liegen bleibt, weil der Blick und irgendwann auch der Geist von so vielen Übrigbleibseln der Vergangenheit verstellt sind, egal wie spektakulär sie sein mögen. Berlin bleibt ja immer noch eine recht arme Stadt, nichts ist wirklich in Stein gemeißelt, und daher besteht Raum für eine Experimentierbereitschaft, die viele (echte oder selbst ernannte) Kreative anzieht. Das war schon immer so, nicht erst seit dem letzten Weltkrieg, und führt heute beispielsweise zur vielleicht lebhaftesten Startup-Szene in Europa. Allerdings ist die schleichende Gentrifizierung schon dabei, das zu ruinieren, was die Stadt eigentlich anziehend macht. Viele internationale Investoren und mitunter Spekulanten ersetzen die ursprünglichen Viertel durch teure Wohn- und Bürogebäude in einer Optik, die ich den Neosparkassenstil nenne, nehmen einen teilweisen Leerstand in Kauf und verdrängen mit dem erschwinglichen Wohnraum auch die ursprünglichen Einwohner und deren viele Farben und Schnauze.

201802BerlinFoto23

Bei alldem hatte ich das Vergnügen, die beiden Vereinsmitglieder, die Pascal aus dem südwestlichen Umland von Paris mitgebracht hatte, ein paar Stunden durch die Stadt zu führen. Eigentlich war es nicht einmal ein Ausschnitt, sondern mehr nur eine kurze Abfolge von Momentaufnahmen. Die Reaktionen von Menschen sind immer spannend, wenn sie etwas neu entdecken und Dinge sehen, die man selbst aus Gewohnheit längst nicht mehr wahrnimmt. Was ihnen im Verhältnis zu ihren Erfahrungen mit Paris auffiel, war insbesondere die Ruhe der Passanten, die vergleichsweise unaufgeregt und ohne Aggressivität durch die Straßen liefen, sowie der Eindruck von Raum, auch weil die Stadt eher in die Breite als in die Höhe gebaut ist. Sagen Sie es ihnen nicht weiter, aber es freute mich, dass sie von einer Stadt, die ich selbst gern und häufig besuche, einen positiven Eindruck nach Hause mitnahmen. Hoffentlich bringen sie das nächste Mal ein bisschen mehr Zeit mit. Wir hatten jedenfalls in diesen Tagen schöne Momente französisch-deutscher Freundschaft.

Viele Grüße,
Alexander Hohmann
Verein: KAMAI in Freiburg


Die französische Originalfassung dieses Artikels erschien am 18.02.2018.

Werbeanzeigen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.