DIE KUNST DES KOKYU NAGE // DAS AIKI-SCHWERT

Die Kunst des Kokyu Nage

Im Folgenden geht es um den KOKYU NAGE. Aber was genau ist das eigentlich?

KOKYU bedeutet „Atmung“. Allerdings muss man wissen, dass das im Budo weit über den Rahmen der schlichten Ein- und Ausatmungsbewegung hinaus geht (wobei man alle Kampfkünste zu ebendiesem Budo zählen kann, aber auch andere japanische Disziplinen wie das No-Theater, die Kalligraphie, all diese Künste also, in denen der Atem eine ganz wesentliche Rolle spielt). Das KOKYU nach dem Verständnis des Aikido umfasst den Begriff der Synchronizität, den man auch „Timing“ nennen könnte (also ein Tempo, das auf den Angriff oder, falls der Partner greift, auf seine Annäherungsbewegung abgestimmt ist); den Begriff des Abstands, ebenfalls wesentlich und vom Prinzip Timing untrennbar; schließlich noch den Begriff der Harmonie, die wiederum das Zanshin umfasst, also das Kontinuum, zu dem sich das Vorher, das Während und das Nachher der Technik integrieren, ohne sich zu vermischen.

Aikido ist eine Kampfkunst.

Es ist kein „Kampfsport“…

Für den Menschen ist es nicht leicht, sich von seinen Instinkten zu befreien: Der Höhlenmensch lauert immer in der Tiefe. Der Instinkt hat sich wenig weiter entwickelt und verlangt immer noch danach, sein Revier zu markieren, sich Güter und Menschen anzueignen, und sie zu dominieren; er zollt jedwedem Feindseligkeit, der versucht, in unsere private Sicherheitszone einzudringen.

Das Obige ist nicht als Bedauern gemeint; denn es ist nützlich, notwendig, unerlässlich, dass der Mensch Mensch bleibt. Jener Philosoph des 17. Jahrhunderts lieferte bereits diese sehr deutliche Ermahnung und sagte: Wer Engel sein will, wird zum Biest. [Blaise Pascal: „L’homme n’est ni ange ni bête, et le malheur veut que qui veut faire l’ange fait la bête.“ = „Der Mensch ist weder Engel, noch Tier/Biest, und das Unglück will es, dass, wer sich zum Engel machen will, ein Tier/Biest aus sich macht.„] Treffender kann man es kaum sagen. Aber wenn man die Instinkte des Menschen schon nicht unterdrücken kann, kann man sie immerhin kontrollieren. Und dazu, genau das zu tun, lädt uns das Aikido wohlwissend ein: Erkenne dich selbst… Aikido ist ein Weg, sich darin zu üben.

Doch die wichtigste Tugend des Aikido – abgesehen davon, dass es das Erlebnis authentischer und intensiver Momente der Harmonie von Körper und Geist ermöglicht, was schon außergewöhnlich genug ist – besteht darin, dass man es nicht als Oppositionssport zwischen Gegnern betrachten darf, nicht einmal als eine Kunst der Selbstverteidigung. Zwar kann es auch das sein, aus plötzlichen Gelegenheiten und Umständen heraus. Dennoch sollte das Üben nicht von dieser Perspektive geleitet sein, weil es dadurch unweigerlich nach unten gezogen würde.

Stattdessen sollte man die Dinge von oben betrachten und vom herkömmlichen Kräftemessen Abstand nehmen, das dem Menschen so nahe liegt und schon ab dem Grundschulpausenhof auffällt.

Noch einmal: Es geht nicht darum, die eigenen Instinkte zu blockieren, denn die sind überlebensnotwendig! Aber das Aikido orientiert sich an einem anderen Paradigma und konjugiert sich in einem andere Modus, als andere „Kampf“-Formen.

Vorsicht mit dem Wort „Kampf“! Das darf man nicht einfach so aussprechen! Es ist nicht kämpferisch, wer will! Es reicht nicht aus, dicke Oberarme zu haben oder eine herausfordernde oder aggressive Haltung einzunehmen.

Es ist im Aikido, dem Weg der Harmonie und der Liebe (so definierte Meister NORO es im Verlauf eines Lehrgangs in Paris im Dezember 1976), traurig, zu sehen, wie Menschen gewaltbereite Haltungen einnehmen, grimassierend mit geballten Fäusten vor der Nase des Partners fuchteln, der doch, wie der Name „Partner“ es schon sagt, fester Bestandteil der Handlungen ist. Ohne den Partner ist keine Technik möglich… Will man ihn allen Ernstes auf diese Art misshandeln?

Man sieht häufig rabiate „Verteidigungs“-Handlungen gegenüber einem Partner, aber der ist doch kein beliebiger Angreifer: Er stellt sich der Technik bereitwillig zur Verfügung und bringt sich auch selbst ausreichend ein, damit man die Bewegung an ihm ausführen kann.

Ohne diese Form der gegenseitigen Beteiligung, die im Budo mit dem Begriff „Yakusoku Geiko“ definiert ist, wird daraus eine Rückkehr zu bestialischen Handgreiflichkeiten, bei denen alle Gemeinheiten erlaubt sind und der Sieg über den Anderen zum Ziel allen Übens wird. Das ist eine traurige Rückkehr zu den Höhlenmenschen. Dann sollte man sich über das eigene Können aber auch nichts vormachen, sondern erst mal in eine richtige Arena steigen, indem man zum Beispiel Boxhandschühe anzieht – die klassischen oder die aus dem Thaiboxen. Danach werden sich viele Illusionen ganz schnell in Luft auflösen, soviel ist sicher.

Was hier erläutert wird, gilt ganz allgemein für die gesamte Aikidopraxis, und darüber hinaus auch für alle Künste aus Japan, deren Name mit „DO“ endet („der Weg“): Es sind alles Wege, sich zu verbessern, an sich zu arbeiten, um noch mehr aus sich selbst heraus zu holen. Und das ist vom Übungsziel aus früheren Zeiten, nämlich dem Nahkampf, weit entfernt.

Diese Wahrheit kann verstimmen, oder sie kann für Engstirnige unverständlich sein. Sie ist aber Fakt.

In diesem Rahmen besetzt der Kokyu Nage einen Vorzugsplatz: Er repräsentiert den dematerialisierten Aspekt des Aikido, wobei die Körper manchmal einander streifen, ohne sich zu berühren; alles liegt hier in der Absicht, und diese muss friedlich sein, voller Wohlwollen, wie es sich für jedes wohlwissende Aikidotraining gehört.

Der Shite (der Anwendende) und der Uke (der Empfangende) sind auf derselben Wellenlänge: Es gibt keinen Kampf, keine Konfrontation, keinen Angriff, sondern einen frei gesetztes Streben, erst zu einander und dann gemeinsam in eine Harmonie zu kommen: Versuch eines Greifens aus größerem Abstand, unter maximaler Nutzung des Raums, der Bewegung und des Atems, wobei der Atem alle anderen Aspekte in sich vereint, wie wir es gesehen haben.

Der kurze Videofilm, den Sie oben sehen können, war Bestandteil der Wiederaufnahme des Trainings im neuen Jahr; genauer gesagt war er der Höhepunkt, nämlich die letzten paar Minuten vor Unterrichtsschluss. Die Bilder erscheinen hier mit ihren Imperfektionen und haben dadurch etwas Spontanes. Die augenscheinlichen Fehler, die im Film sichtbar werden, sind alle auch gute Ansatzpunkte für die nächsten Nachbesserungen. Denn man lernt aus seinen Fehlern – sofern man sie nicht wiederholt.

Das große Können des Partners (Meister Sylvain), der sich von den Körpergewichtsbegrenzungen eindeutig nicht einschränken lässt, versinnbildlicht treffend die Osmose, die sich während eines KOKYU NAGE zwischen zwei Aikidoka einstellt: Leichtigkeit (die in der Bewegung aber keine Nachlässigkeit ist, denn der Uke besitzt hier eine bemerkenswerte Bodenhaftung und Stabilität), Widerstandslosigkeit, Annehmen der Bewegung, und diese wunderbare Verfügbarkeit, die ihm erlaubt, sich augenblicklich jeder Veränderung anzupassen. Diesem Beispiel sollte man folgen: das eigene Körpergewicht überwinden und mit Leichtigkeit rollen zu können ist jedes Üben auf dem Weg dorthin wert, denn das macht das regelmäßige Training im Aikido ungleich komfortabler. (Es spart Kraft und vermeidet Ermüdungen.)

Zum Abschluss dieses Kapitels seien die Besucher dieses Blogs daran erinnert, dass der KOKYU NAGE nur sehr weit, sehr ausladend angewandt werden kann. Seine wahre Existenzgrundlage findet er in der nie endenden Ausdehnung der Bewegung, der Absicht und des Atems. Der KOKYU NAGE sollte sich vom physischen Körper loslösen, er versteht sich als eine sich vergrößernde Bewegung. Das „Werfen“ oder eher Führen des Partners geht nicht in Richtung Boden (das würde die Bewegung nach unten drücken und jede Möglichkeit der Ausdehnung vereiteln), sondern zum weiten Horizont. Die Bewegung kann gar nicht zu groß sein; in der Praxis ist sie fast immer zu eng und damit zu klein. Hier kann man nicht ehrgeizig genug sein! Den Uke wirft man weit nach vorne, nicht mit dem Gedanken, ihn niederzuschmettern, sondern im Gegenteil als Entlassung in eine Bewegung ohne Ende. Dieser Grundsatz steht in Verbindung zu dem aus dem vorherigen Absatz (der Uke macht sich von den Begrenzungen der Schwerkraft frei).

Das Schwert im Aikido

Die zweite Videosequenz erscheint hier mit der freundlichen Erlaubnis eines unserer werten Mitglieder, Monsieur Richard. Sie ist auf mehreren Ebenen interessant. Erstens ist Richard ein überzeugter Aikidoka, aber auch ein Mensch von zurückhaltendem Naturell, sodass es desto mehr bedeutet, dass er diese Aufnahmen mit den Besuchern dieses Blogs teilt – dafür danken wir ihm.

Seit kurzem besitzt er ein echtes Schwert, zwar ziemlich neu, aber nach alten, überlieferten Bräuchen hergestellt, also mit einer scharfen Klinge. Er hat sich mit der Aufnahme dieser kurzen und völlig improvisierten Sequenz einverstanden erklärt. Man sieht, wie gut er das Schwert bereits beherrscht. Immerhin kann das Zurückstecken, aber auch das Ziehen eines Schwerts ernsthafte Handverletzungen verursachen.

Er hat sich also zweifellos seit langem auf den Kauf dieses Schwert vorbereitet, seit mindestens ein paar Monaten jedenfalls, denn er brachte sei einiger Zeit ein Bokken in einer Plastikscheide mit – so etwas gab es früher gar nicht, aber im Training ergibt es durchaus Sinn.

Dass er im Aikido bereits ein ansehnliches Niveau hat, erkennt man daran, wie flüssig die Bewegungen angesichts des Gewichts einer solchen Klinge sind. Sie wiegt mehr als die meisten (stumpfen) Trainingsschwerter.

Diese Sequenz soll die Aikidoka überzeugen, die noch bezweifeln, dass das Schwert eine sinnvolle Vervollständigung des Aikido sein kann. Das ist es sehr wohl, und zwar jenseits beispielsweise der Iai-Schulen, die zwar interessant sein können, aber starre Formen („Kata“) anwenden, die in keiner Verbindung zu den Körperformen stehen, wie wir sie im Aikido berücksichtigen.

Viel Spaß beim Training!

Pascal OLIVIER.


Die französische Originalfassung wurde am 16. Januar 2018 veröffentlicht.

Zum Schwert im Aikido: Siehe auch „Das Schwert des Aiki“ aus 2011 und die vierteilige Serie „Das Schwert des Aiki“ aus 2014.

Zum Kokyu Nage: Siehe auch „Der Kokyu Nage, Musik der Körper“ aus 2012.

 

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