EHRUNGEN UND ERZÄHLUNGEN, TEIL 3: MEISTER NORO

Meister NORO beim Kote Gaeshi. (Quelle: "Budo Magazine", Frankreich, Januar 1972, Foto Roland HABERSETZER) Beachten Sie die Spirale in der Bewegung, die sogar in der Art sichtbar ist, wie sich die Falten des Hakama legen. Meister NORO besitzt eine Ästhetik und eine Weite in der Bewegung, die einzigartig sind.

Wenngleich alle seinen Namen bereits gehört haben, kennen letztendlich nur sehr wenige Aikidoka wirklich Meister NORO. Dennoch lässt er niemanden gleichgültig. Die, die ihm einst gefolgt sind, erinnern sich an seine Präsenz im Aikido (bevor er das KINOMICHI erschuf) mit vagem Blick und einem Seufzer resignierter Bewunderung, als hätte er sie einen Spalt weit in ein unerreichbares Universum blicken lassen, eine Art verlorenes Paradis des Budo und seiner erhabensten Ausdrucksweise, wie Meister UESHIBA sie gewünscht hatte. Ist KINOMICHI eine abweichende Kreation oder der Ausdruck eines futuristischen Aikido, in dem weder Angreifer noch Verteidiger mehr existieren? Die Diskussion ist offen.

Halten wir uns zunächst an das seinerzeit von Meister NORO gelehrte Aikido. Dreißig Jahre später erinnert man sich immer noch an seine Lehrgänge oder an seine Vorführungen von Bewegungsabläufen, die das spiralförmige und das weit Ausladende ganz extrem betonten. (Der Uke flog manchmal über das ganze Tatami hinweg durch die Luft, wenn der Meister einen Shiho Nage einer höheren Stufe anwendete.) Man hält noch die absolute Flüssigkeit seiner Technik in Erinnerung, und auch die freudige Laune, mit der er das Training leitete, das sich in eine Art Einweihung wendete, so weitläufig war der Bereich, in dem sich sein Wissen ausdrückte, in einer Sprache, die zwar sehr schwierig zu begreifen, dafür aber von sehr sprechenden Körperhaltungen bebildert war. Seine Erklärungen konnten sehr lange dauern.

Seine leisen und katzenhaften Manieren, seine Wehrhaltungen mit Schwert, Stock oder leeren Händen, seine Bewegungen durch den Raum, all das gab einem den Eindruck, etwas seltenem beizuwohnen; es war von verwirrender Einfachheit und Offensichtlichkeit aber zugleich auch unmöglich nachzumachen… Da war etwas authentisches, etwas wahres (im Sinne von etwas offenbartem), so als wäre das, was er zeigte oder vorführte, das ultimative Ziel, zu dem all unser Üben hin streben sollte.

Seltsamerweise verdunkeln sich manche Gesichter, wenn irgendwann die schicksalhafte Frage gestellt wird: „Und NORO?“ „Nein!“ bekommt man manchmal als Antwort. Dabei legt der Ansprechpartner eine ablehnende Haltung zu Tage, die einen Anflug von Neid erahnen lässt. So als hätte NORO Sensei das gezeigt, was man nicht zeigen darf: den erhabenen Ausdruck einer Kunst, die ihren höchsten Grad der Vervollkommnung erreicht hat und im Vergleich alle anderen Formen des Aikido farblos erscheinen lässt.

Zugegeben: Ich idealisiere das ein bisschen; dreißig Jahre sind vergangen, und man weiß, wie sehr die Menschen mit der Zeit alles verklären können. Vielleicht hätte ich heute eine andere Sicht auf das, was mir durch dieses reichhaltige Training mit seinem Empfindungsüberfluss offenbart wurde.

In einem „Neujahrsmährchen„, das auf unserer alten Webseite veröffentlicht wurde, habe ich bereits die Verwandlung erwähnt, die ich als fünfzehn Jahre junger Mann aufgrund eines einfachen Trainings unter der Führung des Meisters durchlief. Es gab ein Davor und ein Danach, und das Danach dauert nun schon seit etwas über 30 Jahren. Daraus kann man schließen, wie bedeutsam die Begegnung mit einem Sensei war, dessen Technik einen Fluss und eine Natürlichkeit besaß, die ich seitdem niemals anderswo gesehen habe. Nicht jeder ist ein Ästhet; nicht jeder wurde dazu geboren, mit hoher Virtuosität eine Kunst auszudrücken, die so subtil ist, dass sie sogar in Japan schlecht verstanden und fehlgedeutet wird (wobei ich nicht verallgemeinern möchte). Auch wenn viele berufen sind, sind doch nur wenige auserwählt, wie in allem, was von Größe ist.

Was das Aikido betrifft, könnte jeder von uns potenziell zu den glücklichen Auserwählten gehören, und der Weg zu diesem begehrten Status geht unweigerlich über die Beherrschung unseres elementaren Egos und die Suche der offensichtlichsten Logik (in den technischen Anwendungen).

Eine Bemerkung am Rande: Da das Aikido frei von jedem Wettbewerb ist (und das ist erfreulich), wird auch niemand an unserer Stelle ein Urteil fällen; wenn der Moment dafür gekommen ist, obliegt es uns selbst, zu beurteilen, ob wir die Hürden unserer Unvollkommenheit überwinden konnten, um selbst wahrhaftige Ten Chi Jin zu werden, also Menschen, die den Himmel mit der Erde verbunden haben. Das Ergebnis unserer Askese wird – soviel ist sicher – erst auf der Schwelle zur Anderen Welt ersichtlich, im Moment unserer Wiedergeburt – nicht wahr?

Doch kommen wir wieder zum Thema zurück, nämlich der Entdeckung eines vollendeten Aikido.

Durch einen Rechenfehler war ich zum naiven Schluss gekommen, dass dieses Aikido nicht nur bei NORO existierte und in Japan sogar eine mehr oder weniger verbreitete Praxis war, und sehnte mich danach, mich direkt an seiner Quelle zu nähren, indem ich zum Beispiel den Aikikai besuchte.

Mit dieser Grundeinstellung und solch vorgefassten Gedanken konnte diese Suche nur mit einer jähen Ernüchterung enden; und so war es dann ja auch. Als ich aber meine überzogenen Hoffnungen herunter schraubte, erwiesen sich manche Begegnungen im Aikikai als ganz fruchtbar, doch gleichzeitig bedauerte ich insgeheim, dass unter den anwensenden Sensei nicht einer die pädadogischen und technischen Fähigkeiten von Meister NORO besaß.

Die „jungen Hoffnungsträger“ sollten sich in ihrer Entwicklung als unfruchtbar erweisen: zwanzig Jahre, dreißig Jahre später üben sie nur eine Sammlung zerhackter Bewegungen aus, denen die göttliche Harmonie völlig fehlt, die aus dem Aikido das macht, was es ist. Einem Alchimisten gleich hatte Meister UESHIBA Blei (die körperliche Anwendung) in Gold (die Körper und Seele vereinende Anwendung) verwandelt; weil sie sich nur sehr entfernt vom Weg haben inspirieren lassen, den der Gründer enthüllt hatte, sind die Nachfolger den umgekehrten Weg gegangen und haben der Technik ein rein körperliches Wesen zurück gegeben, wodurch diese in die bleierne Schwere der Anfänge verfiel und doch wieder nur auf die Vernichtung des Uke ausgerichtet war.

Um zu diesem Schluss zu kommen, war es nötig gewesen, andere Kontinente zu bereisen; aber die Suche war nicht vergebens, da sie die Dinge ins rechte Licht rückte, zahlreiche Begegnungen und gute und schlechte Erfahrungen ermöglichte, und mich letztendlich auf den Weg zu einem anderen herausragenden Meister brachte, bei dem ich dann mehr als ein Vierteljahrhundert lang lernen konnte: Das sind Begegnungen, die man nicht hat, wenn man zuhause bleibt und sich mit dem begnügt, was man vor Ort vorfindet.

Es hat den Anschein, als hätte sich nichts geändert, denn wie guter Wein kann ein solcher Sensei mit dem Alter nur noch besser werden. Eine Aikidoka hatte ihn vor einigen Jahren erlebt, als Moriteru UESHIBA nach Paris gekommen war (Meister NORO hatte sich, in seinen legendären weißen Hakama gekleidet, unter die Menge der Ausübenden gemischt, mit fast 70 Jahren). Die Dame ist wenige Tage später zum Korindo Dojo geeilt (17. Arrondissement von Paris). Dort lehrt Meister NORO fortan das Kinomichi, eine Kunst, die er schuf, indem er auf seinen Erfahrungen im Aikido aufbaute, aber in die er meines Erachtens auch Begegnungen mit Meistern verschiedener anderer Disziplinen einarbeitete, die alle in Verbindumg zum Körper und dessen Mechanik stehen. Diese Aikidoka erzählte:

„Es bestand ein solcher Unterschied zwischen dem, was Meister NORO, den ich nicht kannte, machte, und den verkorksten und engen Techniken der Dutzenden anderer Übender, dass ich der Sache nachgehen wollte. Seine Anwesenheit schien wie eine weiße Erscheinung auf dem riesigen Tatami der Trainingshalle.“

Zur Vervollständigung dieser Erzählung sei noch eine ältere hinzu gefügt. Vor einigen Jahren besuchte einer meiner alten Freunde, ein Aikidoka aus Südfrankreich, einen Pariser Lehrgang des Meisters auf meinen Rat hin. Ironie lag dem Mann fern, und ich möchte hier wiederholen, was er mir damals schrieb und ich in meinem japanischen Exil sehnsüchtig immer und immer wieder las:

„Ich habe NORO gesehen. Wir waren beeindruckt. Am Anfang seines Unterrichts dachten wir, dass es eine Art Yoga würde, mit Dehnungs-, Entspannungs- und Achtsamkeitsübungen, was sehr angenehm war. Fast am Ende nahm das, was uns nur als Dehnungs- und Entspannungsübungen erschienen war, die Form des Ikkyo, des Shiho Nage und so weiter an. Wir waren völlig verblüfft von dieser Herangehensweise ans Aikido, die uns bis dahin gänzlich unbekannt war. Wunderbar, mein alter! Und sehr vollständig war es auch: lockere Kraftübungen in die Länge, weitestmögliche Bewegungen, bei denen das Zentrum seinen Platz ganz von selbst einnimmt um im Gleichgewicht und der Ausdehnung zu bleiben. NORO ist ein sehr großer Meister, der sehr gut erklärt und dabei exakt die Haltungen mimt. Leider haben wir den Kurs der höheren Stufe nicht gesehen, auch nicht den eigentlichen Aikidokurs. Wie schade! Aber ich glaube, dass da wirklich eine LEHRE enthalten ist.“

Das ist der Eindruck, den die von Meister NORO gelehrte Kunst bei jedem objektiven Aikidoka hinterlassen kann, der das Glück hat, ihn mindestens einmal in Aktion zu sehen. Denn wie alles, was selten und wertvoll ist, muss man ihn suchen, ihn ausfindig machen, und sein Charakter hat ihn nicht zu der Medienkarriere hin gezogen, der einige andere seiner Jugendgefährten nachgingen.

Um dieser idyllischen Darstellung auch einen Schatten hinzu zu fügen, muss ich sagen, dass ich dazu tendiere, Meister NORO als ein Phänomen und wie jedes Phänomen als einzigartig zu betrachten. Das Niveau, das er erreicht hat, ist so hoch, dass zwischen seinen Händen, wenn man so sagen darf, jede Bewegung höchste Erhabenheit erlangt; da seine Gefolgsleute nicht seine Erfahrung haben, kann ihr Ausüben nicht den gleichen Zauber ausstrahlen.

In diesem Sinne denke ich, dass er zu diesen einzigartigen Meistern gehört, die man in Aktion gesehen haben muss, die man sich aber hüten sollte, nachahmen zu wollen, denn dann machte man sich lächerlich. Auf eine ganz andere Art gilt diese Bemerkung auch für Meister wie YAMAGUCHI, HIKITSUCHI oder auch SUNADOMARI, jeder ein einzigartiges Phänomene in seinem Bereich. Letzten Endes sollte man sie lieber beobachten und versuchen, wenigens einen Wesenszug ihrer Kunst aufzugreifen – Raumbewegung, blitzartigke Erkenntnis eines flüchtigen Moments – und diesen Eindruck dann in eine Ecke unseres Erinnerungsvermögens einzuräumen, wo er vielleicht eines Tages fruchtbar werden und sogar einen Keim bilden wird, wer weiß?

Durch seine heraus ragende Meisterschaft nicht nur der Technik sodern auch des präzisen Augenblicks der synchronen Berührung mit dem Partner, dieses so entscheidenden Moments, in dem die Elemente fusionieren, stellt Meister NORO im Bereich des Budo das Element LUFT dar.

 


 

Die französische Originalfassung dieses Beitrags wurde am 29. Oktober 2010 veröffentlicht.

 


 

Siehe auch die anderen Teile von „Ehrungen und Erzählungen“:

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